Kino : Mutterunglück

Ambitioniert: Emily Atefs „Das Fremde in mir“

Christiane Peitz

Das Kind ist da, die Mutter starrt es ratlos an. Man nennt es postpartale Depression; anders als der ganz normale Baby-Blues handelt es sich um eine zwar heilbare, aber gefährliche Krankheit, an der in Deutschland jährlich 80 000 Frauen leiden. Die junge Berliner Regisseurin Emily Atef hat einen stillen Film über das Mutterunglück gedreht: Susanne Wolff spielt in „Das Fremde in mir“ die junge Mutter Rebecca, eine emotional isolierte, unverstandene Frau, die sich vor allem selbst nicht mehr versteht.

Der leere, jede Kommunikation verweigernde Blick. Die Unfähigkeit, auch nur zu lächeln. Das Schweigen, allen liebevollen Nachfragen zum Trotz. Die Tränenattacken. Die Mechanik des Alltags mit Säugling, die Versuchung, das Kind zu ertränken, Selbstentfremdung, Suizidgedanken. Rebeccas Mutter (Maren Kroymann) ahnt als Einzige, was los ist und sorgt für therapeutische Betreuung.

Vor der Geburt war die Welt noch in Ordnung. Die Floristin Rebecca und ihr liebevoller Mann (Johann von Bülow) richten sich ein, freuen sich auf ihre Zukunft zu dritt. Aber schon kurz nach der Niederkunft irrt sie nachts im Wald herum, legt sich hin, stellt sich tot. Atef schildert den Umschlag vom Idyll zur Verzweiflung nicht chronologisch, sondern in Einzelmomenten, Erinnerungsfetzen, Kulminationen. Rebeccas Lebenskontinuum: asynchron, rissig, verstört.

Atefs Kammerspiel (mit Herbert Fritsch und Judith Engel in Nebenrollen) bescheidet sich mit zurückhaltender Kamera und minimalistischer Dramaturgie. Ein wenig zu angestrengt vermeidet es jede Zuspitzung und dekliniert die Phasen der Depression durch und therapiert den Zuschauer gleich mit. Gewiss, die bereits mit Festivalpreisen ausgezeichnete RegieSorgfalt der ehemaligen dffb-Absolventin verdient Respekt. Aber die Fokussierung auf eine unentwegt leidende Frau, die von entsetzlich gutwilligen Menschen umgeben ist, hinterlässt ein Unbehagen. Es gibt ihn, den Terror der besten Absichten, wie ihn der Schwiegervater und die Schwägerin betreiben. Der Film jedoch bleibt sanft und versöhnlich, ein monochromes Stillleben, das auf die Anmutung des Authentischen setzt. Im wirklichen Gefühlsleben geht es weniger eintönig zu. Selbst in der Depression. Christiane Peitz

Eiszeit, Hackesche Höfe, Kant Kinos

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