"Nanga Parbat" : Schlaf nicht, Bruder

Biedermann und die Bergsteiger: "Nanga Parbat" ist ein Film über Reinhold und Günther Messner - doch der wuchtige Bergfilm, der er hätte werden können, ist er nicht geworden.

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Immer an der Wand lang. Trotz schwerer Wetterlage will Reinhold Messner (Florian Stetter) den Gipfel allein besteigen. -Foto: Senator Film

Das Recht ist auf Seiten der Helden. Was sie leisten und oft gegen jede Vernunft erzwingen, kann nicht verkehrt sein. Auch wenn es um die „Eroberung des Nutzlosen“ geht, wie Reinhold Messner, einer der letzten Abenteurerhelden unserer Zeit, sein Treiben genannt hat. 14 Achttausender zu besteigen (als erster), Alleingänge auf den Nanga Parbat und den Mount Everest (als erster) sowie die Durchquerung der Antarktis zu Fuß (als erster) und ungezählte Rekorde – das alles spricht für sich. Kaum ist heute vorstellbar, wie nah Reinhold Messner schon bei seinem ersten Ausflug in den Himalaya dran war, nur eine weitere junge Leiche am Nanga Parbat zu werden.

Dass er es nicht wurde, verrät natürlich viel über Messners Überlebensinstinkt. Dafür starb sein jüngerer Bruder dort. Reinhold und Günther Messner waren als gebürtige Südtiroler mit einer deutschen Expedition zum Nanga Parbat gereist, um die mit 4500 Metern höchste Steilflanke der Erde, die Rupalwand, zu durchsteigen. Während Reinhold sich als Extremkletterer mit verwegenen Erstbegehungen für die Nanga-Parbat-Tour empfohlen hatte, war Günther als Ersatzmann nachnominiert worden. „Zwei Brüder. Ein Berg. Ihr Schicksal“ prangt nun als Motto auf dem Filmplakat zu „Nanga Parbat“ von Joseph Vilsmaier, der die verwickelten Ereignisse um die Expedition von 1970 nacherzählt und am Donnerstag in die Kinos kommt. Eine Schlüsselszene ist darin, wie Reinhold seinem liebsten Seilpartner Günther das Telegramm von Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer überbringt, wonach er ebenfalls mitdürfe. Die Brüder stehen einander in der elterlichen Wohnstube gegenüber – und wünschen sich „Schöne Weihnachten“.

Verschwiegen wird nicht nur in dieser Szene, dass Messner lieber noch als mit seinem liebsten Seilpartner allein unterwegs ist. Im Kopf trägt er bereits die Ideen für den „alpinistischen Stil“, in dem sein Idol Hermann Buhl es bereits 1953 als Erster zum Nanga-Parbat-Gipfel geschafft hatte: Statt Materialschlachten und eine Kette von Lagern anzulegen, schwebt Messner ein kleines, schnelles Team vor, das selbst in der Todeszone wie in den Alpen agiert. Doch noch fehlen ihm die Mittel dafür. So schließt er sich Herrligkoffer an, einem Münchner Arzt, der selbst kaum über bergsteigerische Erfahrung verfügt, nach dem Tod seines Halbbruders Willy Merkl 1934 am Nanga Parbat aber vernarrt in den „deutschen Schicksalsberg“ ist und wie ein Eroberer gegen ihn vorgehen will. „Diesmal muss die Rupalwand fallen, Reinhold“, schnarrt Karl Markovics als Herrligkoffer, und man hört das dröhnende Pathos einer Zeit nachhallen, die den Opfertod verherrlichte.

Das ist so hölzern und plump inszeniert und mit so wenig Sinn für Kontraste erzählt, dass aus einem wuchtigen Bergfilm, der „Nanga Parbat“ hätte werden müssen, eine dröge Rekonstruktion geworden ist. Vielleicht ging es aber auch genau darum, als Messner sich 2004 mit einem Brief an Vilsmaier wandte, um eine Zusammenarbeit vorzuschlagen. Kurz zuvor hatten die Anschuldigungen ehemaliger Expeditionsteilnehmer den Staub von dieser weithin vergessenen Geschichte aufgewirbelt und Messner in die Defensive gedrängt. Er habe seinen Bruder dem eigenen Ehrgeiz geopfert, lautete der Vorwurf der früheren „Bergkameraden“ Max von Kienlin und Hans Saler. Da es für die Umstände des Todes nur Messner selbst als Zeugen gibt, hat sich seine Version durchgesetzt, die er gewohnt furios in „Der nackte Berg“ noch einmal darlegte, nachdem seine ursprüngliche Abrechnung mit Herrligkoffer, 1971 unter dem Titel „Die rote Rakete am Nanga Parbat“ erschienen, verboten worden war. Doch erst mit dem Fund der sterblichen Überreste des verschollenen Bruders 2005 klärte sich das Rätsel endgültig, das den Nukleus einer der beeindruckendsten Grenzgänger-Karrieren des 20. Jahrhunderts bildet. Sie trägt eine Art Kainsmal.

Doch Vilsmaier zeigt kein Gespür für die epische Tiefe des Stoffes, die Christoph Ransmayr in „Der fliegende Berg“ zu einem bildmächtigen Langgedicht inspiriert hatte. Der bayrische Regisseur („Stalingrad“, „Schlafes Bruder“) zerfasert die Handlung durch zeitliche Sprünge, und dass viele Szenen in einem Kühlhaus nachgestellt werden, ist der Erfahrung des Ausgesetztseins auch eher abträglich. Beinahe rührend unbeholfen ist, wie Vilsmaier die Brüder um die Wette den Kirchturm hochlaufen oder eine steile Friedhofsmauer erklettern lässt. Und als Reinhold in späteren Jahren einmal über den Punkt einer trittfesten Sicherung hinaus steigt, herrscht ihn der Jüngere an: „Irgendwann wirst du dich umbringen – und mich mit.“

„Nanga Parbat“ schildert detailliert, wie sich Messner schnell als Wortführer und Vertrauensmann Herrligkoffers den Argwohn seiner Teamgefährten zuzieht, wie das Unternehmen am schlechten Wetter zu scheitern droht, wie er den Vorschlag macht, es wie Buhl mit einem Alleingang zu versuchen. Aber Florian Stetter ist als Reinhold viel zu nett, als dass sich Günther (Andreas Tobias) an ihm messen könnte. So bleibt Günthers fataler Entschluss, seinem Bruder zum Gipfel nachzusteigen, nur eine frustrierte Kurzschlussreaktion. Und man begreift auch wenig von Messners unerbittlichem Wesen, dass ihn lange vor Günthers Tod zum Alleingänger gemacht hatte. Sein Problem war nicht der Berg. Sondern der Bruder, der an seiner Seite bleiben wollte – aber nicht stark genug war.

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