Nazi-Äußerung : Lars von Trier bringt Cannes voll auf die Palme

Lars von Trier hat etwas mit Hitler gesagt und wurde daraufhin vom Filmfest in Cannes verbannt. Seitdem gibt es dort kein anderes Thema mehr. Übrig bleibt ein Scherbenhaufen, für den nicht allein der Provokateur verantwortlich ist.

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Himmelweit. Während Regisseur von Trier sich am Mittwoch um Kopf und Kragen haspelt, guckt seine Hauptdarstellerin Kirsten Dunst ihn von der Seite mal amüsiert, mal peinlich berührt an.
Himmelweit. Während Regisseur von Trier sich am Mittwoch um Kopf und Kragen haspelt, guckt seine Hauptdarstellerin Kirsten Dunst...Foto: REUTERS

Das Wetter ist so schön wie lange nicht mehr in Cannes. Die Palmen und die Pinien auf der Promenade namens Croisette wiegen sich im sanften Wind vor postkartenblauem Himmel. Die Kiosk- und Café- und Restaurant- und Hotelbesitzer machen gute Geschäfte. Die Staffel der Filmvorführungen beginnt allmorgendlich pünktlich um 8.30 Uhr und endet gegen Mitternacht. Cannes findet also statt, das 64. Filmfest in dem netten Städtchen an der Côte d’Azur. Es zeigt täglich Filme, noch bis Sonntag wird das so gehen. Allerdings spricht über die kaum noch einer.

Stattdessen reden sich diejenigen, die nach Ende des Filmmarkts am Donnerstag und der Abreise von Zehntausenden von Produzenten, Weltvertriebsvertretern, Einkäufern, Verleihern, Kinomachern und PR-Leuten übrig geblieben sind in der nur ein paar Dutzend Gassen umfassenden Festivalzone, nur über eines die Köpfe heiß: die Nazi-Sprüche eines der bedeutendsten Autorenfilmer der Welt und seinen darauffolgenden Ausschluss vom Festival.

Das, was inzwischen durchaus eine Art Skandal ist, fing am Mittwoch an, mit der Pressekonferenz zu von Triers Film „Melancholia“. Aber wer redete noch über dessen bildgewaltige, apokalyptische Vision einer Erde, die verschlungen wird von einem riesigen Planeten? Oder über die vielen anderen neuen Groß- oder Kleinkunstwerke des Kinos? Alles egal.

Und sogar, wer sich noch einlassen wollen würde auf die letzten Wettbewerbsfilme, hat das Gefühl, dem neuen Überthema des Festivals nicht zu entkommen. Der sieht nämlich beispielsweise einen Thriller namens „Drive“, in dem es zwar um Los Angeles geht, gedreht hat den aber Nicolas Winding Refn. Und der ist Däne. Noch ein Däne! Einer wie Lars von Trier also. Oder er sieht die Geschichte von einem Italiener in Irland, Michigan und New Mexico, ein Roadmovie namens „This Must Be The Place“, in dem es dann aber um Depressionen geht und Flugangst und um einen toten jüdischen Vater und einen uralten Nazi irgendwo in Utah. Und das sind bis auf Utah doch Stichwörter, unter denen man auch von Trier finden würde, weshalb man wieder beim Thema ist.

Es war Mittwochmittag in dem engen, fensterlosen, bis auf den letzten Platz gefüllten Pressekonferenzraum in der dritten Etage des fünfstöckigen Gebäudes, das man seit seiner Erbauung in den späten Siebzigern immer noch „Bunker“ nennt. Es gab alberne Witzeleien von Lars von Trier über Pornos, die er demnächst mit seinen Hauptdarstellerinnen Kirsten Dunst und der hochschwangeren Charlotte Gainsbourg drehen will. Dann erkundigte sich eine Journalistin von der Londoner „Times“ nach seinen deutschen Wurzeln und seiner in einem dänischen Filmmagazin bekundeten gewissen Schwäche für Nazi-Ästhetik. Und zwei Minuten später war alles vorbei. Die Stimmung. Die Freude. Irgendwie das Festival, jedenfalls wenn man es – auch – als Fest begreift. Und vielleicht sogar die Karriere des Lars von Trier.

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