Neu auf DVD : Heimat und Stau

Martin Sonneborns "Heimatkunde" ist ein überraschend milder, melancholischer Film. Der Dokumentarfilmer Thomas Heise präsentiert unterdessen den dritten Teil seiner Stau-Trilogie.

Karl Hafner

Wo sollte das einst geteilte Deutschland eher einig Vaterland geworden sein als an den Rändern Berlins? Martin Sonneborn, ehemals Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ und heute Vorsitzender der „Partei“, begibt sich in Heimatkunde (eye see movies) auf eine quasi-ethnologische Mission und wandert einmal um Berlin herum, 250 Kilometer durchs ehemalige Grenzgebiet, begleitet von einer Kamera und einer Handvoll koketter Vorurteile gegenüber der Ex-DDR. Die Suche nach echten Ureinwohnern ist anfangs nur mäßig erfolgreich, oft genug findet Sonneborn gar keine Ossihaftigkeit, sondern einfach Leben in der Peripherie einer Großstadt.

In Großbeeren sollen noch vereinzelt Ostdeutsche wohnen, in dieser neuangelegten Siedlung voller Wessis, dieser Utopie aus „Einfamilienhaus-Typen 1.2 mit Friesengiebel“. Ein paar Kilometer weiter in Stahnsdorf dämmert dem aus Bayern stammenden Bürgermeister schön langsam, dass die Hundekotbehälter am Mahnmal gegen Faschismus eher deplatziert wirken. Ein paar Jugendliche am Treffpunkt Tankstelle finden Wessis arrogant. Wirklich traurig wird es in einem Asylbewerberheim, in dem manch ein Bewohner seit Jahren sitzen muss, weil sich die zuständigen Behörden nicht auf eine Augenfarbe einigen können, die der Passvordruck verlangt.

„Heimatkunde“ ist ein überraschend milder, melancholischer Film. In der Nähe des Flughafens Schönefeld erfährt Sonneborn von zwei Mädchen, was sie mit der DDR verbinden. Nicht viel, „irgendwas mit Krieg“. Dann hängen sie weiter ab und „bauen Scheiße“, wie sie sagen. Was Jugendliche halt so machen, wenn es nichts Besseres zu tun gibt.

Jugend in Halle-Neustadt – das ist das Thema der Stau-Trilogie des Dokumentarfilmers Thomas Heise. Im dritten Teil Kinder. Wie die Zeit vergeht (good! movies) von 2007 erzählt Heise erstmals nicht nur von der Gegenwart, sondern verwendet Material aus den früheren Stau-Filmen neu. Im Gegensatz zu diesen ist „Kinder“ in Schwarz-Weiß gedreht, die Industrie- und Hochhauslandschaften wirken dadurch zeitlos monumental. Die Personen sind seltsam entrückt, wie aus der Zeit gefallene Überbleibsel in einer Welt aus Stahl und Beton, die nichts von ihren Bewohnern wissen will.

Im Prolog erzählt die 24-jährige Jeanette von ihren Kindern. Die Szene stammt aus „Neustadt – Stand der Dinge“ von 2000. Jeanette wirkt müde und erschöpft. Sie macht gerade eine Umschulung zur Busfahrerin und träumt von einem festen Job und einem Mann, der sie und die Kinder wirklich mag. Sieben Jahre sind seitdem vergangen, in denen das Leben weiterlief, Wunden heilten und neue aufrissen. 2007 hat Jeanette ein drittes Kind, einen Mann und einen Job. Sohn Tommy dagegen droht zu scheitern, und sein Kumpel sagt von sich, er sei Nationalsozialist, und versucht mit kruden Ideologie-Versatzstücken zu erklären, dass seine Gesinnung etwas Gutes sei. Er wirkt dabei so entsetzlich hilf- und sprachlos wie die rechtsradikalen Jugendlichen aus „Stau. Jetzt geht’s los“. Vordergründig enthält sich Heise jeglichen Kommentars und sucht stattdessen mit seiner lakonischen Bildsprache nach all dem, was seine Protagonisten in ihrer erschütternden Sprachlosigkeit selbst nicht mitteilen können.Karl Hafner

0 Kommentare

Neuester Kommentar