Neu auf DVD : Jugend im „Puppenstubenfaschismus“

Im Dokumentarfilm „Jeder schweigt von etwas anderem“ machen Marc Bauder und Dörte Franke junge Lebenswege in der DDR der frühen Achtziger erlebbar.

Kerstin Decker

Frühe achtziger Jahre: Sie sind Anfang zwanzig – in dem Alter, in dem man den Fertigteilwelten der Älteren misstraut und manchmal mit Erstaunen feststellt, wie absurd sie sind. Wem das in der DDR nicht auffiel, der kann nie jung gewesen sein. Jung, also noch weitgehend unbeschriftet – und gewillt, über die Inschriften, die man künftig tragen wird, selbst zu entscheiden. Die Zusammenfassung solcher Welterkenntnis konnte etwa „Scheiß Staat“ lauten, und wer das auf Nachfrage gern wiederholte, nun besonders laut, für den konnte es schon zu spät sein. Wie für jene junge Frau, die – von der Kaufhalle kommend, ihren kleinen Sohn auf dem Arm – die Uniformierten in ihrer Straße sah und schon wusste, dass die zu ihr wollten. Vor ihrer Wohnung waren es noch mehr, und der kleine Junge gab jedem die Hand. Die junge Frau aber sagte: „Wenn Sie mir jetzt mein Kind wegnehmen, schrei ich die Straße zusammen!“

Die Drohung wirkte, man nahm es der „Scheiß Staat!“-Ruferin, die die DDR heute „Puppenstubenfaschismus“ nennt, dann eben etwas später weg. Sie ist eine von 200 000 bis 250 000 politischen Gefangenen der DDR. Der gut gemachte, kluge Dokumentarfilm „Jeder schweigt von etwas anderem“ von Marc Bauder und Dörte Franke vollzieht mehrere solcher Lebenswege nach. Jung waren sie alle und hatten doch oft selber schon Kinder. Heute sind diese Kinder erwachsen, die von einem Tag auf den anderen keine Mutter und /oder keinen Vater mehr hatten. Die Filmemacher haben mit den Eltern und mit den Kindern gesprochen. Die gemeinsame Erfahrung lautet: Man redet nicht viel darüber, eigentlich gar nicht. Kinder wollen ihre Eltern schonen, und ein wenig unheimlich ist ihnen die Vorstellung der Mütter und Väter hinter Gittern wohl auch. Hinzu kommt die typische Kinderangst: Wenn die erst einmal anfangen zu reden, dann hören sie gar nicht mehr auf.

Die Ich-Sager von damals dagegen macht das Wissen schweigsam, dass die verstörendsten, die prägendsten Dinge ohnehin nicht mitteilbar sind. Etwa der Klang der Gleich-Schritte auf den Metalltreppen. Die Vergleichshöhe der Erfahrung fehlt, sagt einer. Und manche haben Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern: Weil sie, die Eltern, nicht da waren. In diesem Staat wurden eben noch ganz normale Jugendliche in einem ganz normalen Leben plötzlich als Schwerverbrecher behandelt. Für – genau genommen – nichts. Vielleicht ist ein Leben zu kurz, um dieses Skandalon zu begreifen. Filme wie „Jeder schweigt von etwas anderem“ machen es neu erlebbar. 

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