Neu auf DVD : Raues Beat-Gedicht

Der Eintritt zum Paradies will verdient sein, sonst könnte ja jeder kommen. Nichts ist umsonst in Gus van Sants Debüt "Mala Noche".

Karl Hafner

MALA NOCHE Regie: Gus van Sant (Alive). Die mexikanischen Immigranten Johnny und Pepper sind auf der Suche nach einem besseren Leben im schäbigen Portland gelandet, und selbst dafür müssen sie noch bezahlen. Nichts ist umsonst in Gus van Sants Debüt „Mala Noche“ (1985). Die menschlichen Beziehungen unterliegen einer harten Ökonomie, jeder gibt, was er geben kann, um zu kriegen, was er braucht.

Der Amerikaner Walt, Betreiber eines Spirituosenladens, ist gleich verschossen in den schönen Johnny – und wird mit allen Mitteln versuchen, ihn ins Bett zu bekommen. Aus der Armut der beiden Mexikaner kann er Kapital schlagen: eine Einladung zum Essen gegen den Hunger, ein Versteck gegen den Zugriff der Polizei. Schnell ist eine Freundschaft erkauft. Johnny ziert sich, aber Pepper ist einverstanden – für 15 Dollar auch mit Sex. Vordergründig herrscht hier der schiere, fiese Kapitalismus: Einer hat Geld, der andere den Körper. Aber so einfach ist das alles nicht. Natürlich wissen auch die beiden Mexikaner, wie sie Walt bei der Stange halten, ihn teasen und triezen. Eine Art Freundschaft entsteht, vielleicht; zumindest für Walt geht es um Liebe, die er irgendwie, irgendwann beweisen will.

Van Sant hat den Film in schwarz-weiß gedreht, für nur 25 000 Dollar – ein raues Beat-Gedicht, aus der radikal subjektiven Perspektive Walts, oft mit seinem Voice-Over-Kommentar. Die Mexikaner bleiben seltsam ungreifbar, verschwinden am Bildrand, bleiben im Dunkel, ungläubig und amüsiert über ihre Möglichkeiten, Walt nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Das Objekt der Begierde löst sich auf, bevor es greifbar wird. Vielleicht hat Johnny etwas Besseres gefunden, ein echtes, bezahlbares Paradies? Gus van Sant mag seine Außenseiterfiguren in jeder Sekunde, in all ihrer jugendlichen Naivität. Junge Selbstsucher sind schon hier sein großes Thema – wie später in „Drugstore Cowboy“, „My Private Idaho“, der auch in Portland spielt, oder in „Elephant“. Wirklich gut gehen kann das auch hier nicht. Zu verschieden sind die Lebensperspektiven, zu stark schwebt die Bedrohung durch den Staat über der Beziehung.

Amerika ist trostlos in van Sants beinahe neoexpressionistischen Schwarz-Weiß-Bildern Die Häuserfassaden wirken fratzenhaft, die Bewohner ohne Hoffnung, und billiger Schnaps grinst als Verheißung von den Plakatwänden. Wer kann in einer solchen Welt an Liebe ohne Hintergedanken, ohne Blick auf den eigenen Vorteil glauben? Das Paradies ist anderswo. 

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