Neu auf DVD : Von Drogen und Gangs

Das Drama „Martín (Hache)“ erzählt die Geschichte eines 19-Jährigen, der mit einer Überdosis im Krankenhaus landet. Über den Krieg zwischen den zwei größten Gangs Amerikas berichtet der Dokumentarfilm "Cripps and Bloods".

Karl Hafner

DRAMA



Diaspora der Gefühle:

„Martín (Hache)“



Zeit, erwachsen zu werden, heißt es für den 19-jährigen Hache, nachdem er mit einer Überdosis in eine Klinik in Buenos Aires gebracht wurde – zumindest in der Vorstellung der Eltern, die ihm einen Selbstmordversuch unterstellen, wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen. Die Eltern sind seit Jahren geschieden, Hache hat keinen Platz in ihrem Leben, jetzt soll er zu seinem Vater Martín nach Madrid. Weg von den Drogen, hin zu sich selbst.

Der Film „Martín (Hache)“ (Icestorm Revolution) des Argentiniers Adolfo Aristarain stammt von 1997, jener Zeit, in der kaum eine Ideologie ohne die Vorsilbe „Post“ auskam. Haches Vater Martín lebt in Madrid in der Diaspora, auch emotional. Er arbeitet als Filmregisseur, aber seine Stoffe berühren ihn kaum. In seiner Beziehung zur Cutterin Alicia geht er keine größeren Verpflichtungen ein, allein sein Schauspieler-Freund Dante scheint ihm etwas zu bedeuten. Die drei bilden eine provisorische Lebensgemeinschaft, die einigermaßen funktioniert, bis Hache dazukommt.

In wunderbaren, auch komischen Dialogen über Ideale, Enttäuschungen und lebensphilosophische Nichtigkeiten wird schmerzhaft deutlich, wie einsam alle Beteiligten sind. Grandios, wie Federico Luppi diesen Martín als intelligenten, erfolgreichen Mann verkörpert, dem es durch seine Verstocktheit gelingt, ein gutes Leben zur Tragödie zu machen. Wer seine Gefühle nicht zu zeigen versteht, dem glaubt niemand, dass er zur Liebe fähig ist.


DOKUMENTARFILM

Gangs von L. A.:
„Crips and Bloods“

„Ich wurde zurückgewiesen von dem Moment an, in dem ich geboren wurde“, erzählt Kumasi, ein ehemaliges Gangmitglied, in Stacy Peraltas Dokumentarfilm „Crips and Bloods“ (Sunfilm) von 2008. Die Pfadfinder hätten ihn, einen Schwarzen, nicht genommen, also gründete man eigene Banden, damals in den 50ern. So entstanden die zwei größten Gangs Amerikas, die bis heute South Central in Los Angeles in eine Kampfzone verwandeln. Seitdem herrscht Krieg, irgendwo zwischen den weißen Stränden von Malibu, dem reichen Hollywood und Disneyland, ein Krieg, der bisher 15 000 Tote forderte.

Peralta hat mit „Dogtown and Z-Boys“ und „Riding Giants“ zwei Sport-Dokus über die Anfänge des Skateboardens und des Surfens gedreht – aus historischem Material, Interviews, lässiger Musik und effektvollen Montagen. Der gleiche Stil prägt auch „Crips and Bloods“. Peralta zeigt die Herkunft der Ganggewalt aus dem Rassismus der 50er Jahre, die zunehmende Arbeitslosigkeit und die ersten Riots in den 60ern, die Gebietskämpfe der Drogendealer in den 80ern. Mittlerweile kämpfen auf beiden Seiten vor allem Menschen, die bereits im Straßenkrieg aufgewachsen sind und nichts anderes kennen als Rache und Gegenrache. Sie hätten in der Kindheit ihren Vater vermisst, erzählen sie. Auch die Mütter hätten sie nur selten umarmt. Eine weinende Frau erklärt, warum. Man gewöhne sich besser gleich an Distanz, die Kinder würden später ja ohnehin sterben oder im Gefängnis landen. Der amerikanische Filmtitel lautet schlicht: „Made in America“.

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