Kino : NEU AUF DVD

Katrin Hillgruber

DOKUMENTARFILM Feltrinelli, Regie: Alessandro Rossetto, Pandora Film, ca. 19,90 Euro, ab heute im Handel.

An einem strahlenden Märztag des Jahres 1972 entdeckte ein Bauer vor den Toren Mailands unter einem Hochspannungsmast eine Leiche. Der Tote musste mit 15 Stangen Dynamit herumgeklettert sein, bevor es zur Explosion kam. Oder war der vermeintliche Attentäter selbst einem Anschlag zum Opfer gefallen? Trotz gefälschter Ausweise stellte sich bald heraus, dass es sich um einen „grosso personaggio“ handelte: um den Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Nach dessen Lieblingszigaretten „Senior Service“ benannte Sohn Carlo das Erinnerungsbuch über seinen Vater, das zu einem großen Erfolg wurde und 2001 auf Deutsch erschien.

Nun hat Alessandro Rossetto mit „Feltrinelli“ einen filmischen Werkstattbericht über jenen Mythos vorgelegt, der seit 1972 im Bewusstsein des Landes virulent ist. Das bestätigen in einer der intensivsten Gesprächsszenen auch Feltrinellis Witwe Inge und sein Verlegerfreund Klaus Wagenbach beim Gang über Mailands Hauptfriedhof. Von flirrendem Free Jazz unterlegt, kontrastiert Rossetto Momentaufnahmen aus dem heutigen Feltrinelli-Imperium mit historischen Interviews des Verlagsgründers. Was durch Improvisation lebendig wirken soll, ist allerdings etwas konfus geraten. Da wird eine Schulklasse durch eine riesige Buchhandlung geführt, eine Jungautorin berät sich mit ihrem Lektor und lernt dabei Amos Oz kennen, der Vertriebschef gibt Einblick in sein logistisches Know-how. Zwischendurch ist Feltrinelli selbst zu sehen: Mitglied der Kommunistischen Partei PCI und des Jetset, Fotomodell für die Männer-„Vogue“, der Erste, der 1967 Jassir Arafat interviewte und bei Fidel Castro ein- und ausging. Der 1926 geborene Giangiacomo verband diese Widersprüche in seiner Person.

„Bist du bereit, für ein Buch auf ein Fußballticket der Kategorie A zu verzichten?“, wird in einem historischen Filmausschnitt ein Arbeiter gefragt. Ein freudiges „Ja!“ ist die Antwort. Auf dieses vieltausendfache Ja baute Feltrinelli sein linkes Imperium auf. Aus einer Taschenbuchkooperative der kommunistischen Partei Italiens ging 1955 der Verlag Giangiacomo Feltrinelli Editore hervor, der zu den größten und bedeutendsten Italiens gehört. Die 97 hauseigenen Buchhandlungen bilden das Rückgrat des Unternehmens. Der heutige Chef Carlo Feltrinelli befragt Veteranen wie Valerio Bertini, dessen Idee es war, die erste Buchhandlung in Florenz „Feltrinelli“ zu taufen.

Am 12. Dezember 1969 eskalierte der italienische „heiße Herbst“, als eine faschistische Terrororganisation in Mailand eine Bombe vor der Agrarbank zündete. 16 Menschen starben. Die Polizei suchte die Täter in der linken Szene, Giangiacomo Feltrinelli zählte zu den Hauptverdächtigen. Das und die zunehmende Angst vor einem Militärputsch veranlassten ihn, in die „Unauffindbarkeit“ zu gehen. Das Genie der Kommunikation, das als Verleger von Pasternak, Che Guevara, Henry Miller, Lampedusa, Uwe Johnson oder Doris Lessing ungleich mehr Einfluss hatte, entschied sich für den anonymen politischen Kampf. Dieser einsame Entschluss bleibt unbegreiflich, und so kreist auch der Film produktiv um diese Leerstelle. Katrin Hillgruber

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