Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

GENTLEMAN Regie: Oskar Roehler. Filmgalerie 451 Am Telefon nennt sich Frank Wolff (Kurt Leiner), der Protagonist in Oskar Roehlers Debüt, gerne Frank Seltsam. Der Name spricht für sich. Zwar laufen ein paar Kleinigkeiten in seinem Leben nicht optimal, doch nichts scheint Grund genug für die Gewaltorgie, die dieser Seltsam in einer leeren Altbauwohnung zelebrieren wird.

Mit schlichten 16 000 Deutschen Mark – aus einem Erbe – drehte Oskar Roehler 1995 seine 60-minütige Deutung des Gentleman-Killer-Romans „American Psycho“ von Bret Easton Ellis. In einem kleinen Team wurde der Film in zehn Tagen heruntergerissen und danach, teilweise dilettantisch, nachsynchronisiert. Eine Tour de Force: Darsteller sprangen kurzfristig ab, eine Genehmigung gab es nicht – und irgendwann war der Drehort so eingesaut mit Kunstblut, dass voller Sorge die Polizei gerufen wurde.

Bislang war „Gentleman“ nur auf wenigen Festivals und verstreut im Nachtprogramm von Kinos zu sehen. Nun bringt das Filmmagazin „Schnitt“ ihn in der DVD-Reihe „Debütfilme“ im Label Filmgalerie 451 heraus, das in der Reihe schon Andreas Dresens „Stilles Land“ und Dani Levys „Du mich auch“ veröffentlichte. Der Film spielt Roehlers Lebensthemen Einsamkeit und sexuelle Obsession hier schon – auf grenzwertig verdauliche Weise – an: Frank Wolff (Kurt Leiner), ein kontaktarmer Berlin-Psycho, schwimmt im Geld: Befriedigung allerdings findet er weder im Konsum noch im Sex. Als ein bestellter Wonderbra nicht geliefert und sein Auto abgeschleppt wird und sich dann auch noch die Prostituierte, die er zu einem ruppigen Blowjob zwingt, aidskrank ist, läuft Franks verletzliche Seele endgültig wund. Besonders erbost ist er, als seine Angebetete (Inga Busch) zu einer Einladung in männlicher Begleitung auftaucht. Seltsam bestellt eine Prostituierte zum Treffen hinzu, dann werden Drogen in Massen genommen. Und Schnitt und Blut und Blut und Schnitt.

Der Film hebt als derangiertes Kammerspiel an, in einem heruntergekommenem Altbau mit fahriger Kamera gefilmt. Die Dialoge, ebenso ruppig wie artifiziell, zeugen von einem Paralleluniversum aus Sadismus, Perversion, Drogenwahn und Egomanie. Roehler selbst nennt „Gentleman“ bis heute seinen intensivsten Dreh. Tatsächlich, das krude, hysterische Werk ist radikales Filmemachen. Aus heutiger Sicht, im besonnten Rückblick etwa auf die gediegenen „Elementarteilchen“ aus dem Hause Roehler, verblüfft fast, mit welch dreckigem, gemeinen Psychokiller-Film er seine große Karriere begann. Karl Hafner

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