Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

THRILLER Straw Dogs – Wer Gewalt sät. Regie: Sam Pekinpah. Uncut Edition (2 DVDs) Euro Video, 113 Minuten, ca. 20 € „Straw Dogs – Wer Gewalt sät“ von 1971 ist der unangenehmste Film von Sam Peckinpah. Das Szenario ist nicht mehr der Wilde Westen, die Hauptcharaktere sind keine Outlaws wie in „The Wild Bunch“ oder später in „Pat Garrett jagt Billy The Kid“. Keine Banditen werden von der Moderne überrascht und versuchen irgendwie, einen halbwegs würdevollen Abgang zu inszenieren. In „Straw Dogs“, der nun in Deutschland erstmals vollständig mit einer Menge Zusatzmaterial auf DVD erschienen ist, erfasst die Gewalt einen Intellektuellen – im Hier und Jetzt.

Der amerikanische Mathematiker David Sumner (Dustin Hoffman) flieht mit seiner Frau Amy (Susan George) vor der Gewalt, die seiner Meinung nach das Leben in den USA allmählich unerträglich macht. Als Refugium wählen sie ein kleines Dorf in Großbritannien, in dem Amy aufgewachsen ist. Es sieht alles nach Idylle aus, nur die dicken Steinmauern des Hauses wirken bedrohlich, wie eine Festung. David ist in seiner neuen Heimat von Anfang an unbeliebt. Die Dorfbewohner haben eine Abneigung gegen alles Fremde und besonders gegen einen Fremden, der ihre frühere Dorfschönheit entführt hat. Bald hängt die Katze der Sumners tot im Kleiderschrank.

Lange muss man auf den peckinpahtypischen Gewaltausbruch warten. Der Regisseur, dem nach den exzessiven Schusswechseln in „The Wild Bunch“ der Spitzname „Bloody Sam“ verpasst wurde, verwendet stattdessen sehr viel Zeit und Akribie, um in einer Art Psychodrama die Beziehungen der Personen langsam so sehr zu vergiften, dass eine Katastrophe bald unvermeidlich erscheint und man schon beinahe hofft, dass aus psychologischen Machtspielchen endlich physische Gewalt wird. Auch zwischen David und Amy beginnt es zu kriseln.

Nach „Straw Dogs“ wurde Peckinpah Misogynie vorgeworfen. In der Tat ist Amy hier der Machotraum einer kokettierenden Blondine, die aus Langeweile die Dorfbewohner reizt. Beim Erscheinen des Films sorgte vor allem eine quälend lange Vergewaltigungsszene für Empörung, in der Amy, von zwei Männern missbraucht, vielleicht sogar so etwas wie Lust zu erkennen gibt. Affirmativ ist diese Szene dennoch nicht. Letzten Endes läuft auch in diesem Film alles auf Peckinpahs düstere Weltsicht hinaus; Gewalt ist das Schwungrad der Welt, Ursache und Wirkung, Problem und Lösung, sie bestimmt alles. Verheerend fällt dementsprechend auch das Urteil über die Männer aus: Die Dorfbewohner sind sadistische, triebgesteuerte Dummköpfe, die von einem Pfarrer im Zaum gehalten werden müssen und sich später zu einem Lynchmob zusammentun. David Sumner dagegen wird gezeichnet als kraftloser Liberaler, der seine Frau belächelt und pazifistische Standpunkte nur deshalb vertritt, um keine Scherereien zu bekommen. Das hilft ihm irgendwann auch nicht mehr weiter. Also muss er zum „Mann“ werden, der auf Gewalt mit Gegengewalt reagiert. Sympathisch ist an diesem Film wirklich nichts, aber wie könnte eine eindringliche Studie über Entstehung und Eskalation von Gewalt auch sympathisch sein? Karl Hafner

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