Kino : NEU AUF DVD

Julian Hanich

MICHAEL-HANEKE-BOX Das Schloss. Code: Unbekannt. Wolfzeit. (Absolut Medien. 49.90 Euro) – Warum ausgerechnet diese drei Filme? Wie kommt es, dass in einer Michael-Haneke-Kollektion seine österreichische Fernsehadaption von Kafkas „Das Schloss“ und zwei seiner französischen Kinofilme – „Code: Unbekannt“ und „Wolfzeit“ – zusammengepackt sind? Als bestechender Grund drängt sich auf: die thematische Nähe. Man nimmt den 65-jährigen Österreicher ja meist als Kritiker der massenmedialen Reizüberflutung, der Gewaltdarstellung und der verkümmerten zwischenmenschlichen Beziehungen wahr. Mit dieser DVD-Box schiebt sich ein anderes Motiv in den Vordergrund: das der Entwurzelung und des Fremdseins des Fremden in der Fremde. Besonders deutlich ist das in „Code: Unbekannt“ zu sehen, wo im globalisierten Paris Migranten und Franzosen aufeinander stoßen. In „Wolfzeit“, Hanekes Vision einer post-apokalyptischen Welt, streunen bindungslose Menschen durchs Land wie einst Brechts Mutter Courage durch den Dreißigjährigen Krieg. Am faszinierendsten kommt das Thema aber in Hanekes weniger bekannter „Schloss“-Interpretation zum Vorschein, die einst als Koproduktion zwischen ORF, dem Bayerischen Rundfunk und Arte entstanden ist. Haneke verlegt das Romanfragment in die bitterkalte Winterwelt eines österreichischen FünfzigerJahre-Dorfes. Der Landvermesser Josef K. – von Ulrich Mühe mit präziser Ausdruckslosigkeit gespielt – kommt dort als Fremder hin. Und bleibt ein Fremder. Von niemandem gebraucht scheitert er an einem Dickicht aus bürokratischer, verschworener Enge. Wie heißt es bei Kafka/Haneke, diesen modernistischen Kritikern der Moderne: Es vergingen Stunden, „in denen K. immerfort das Gefühl hatte, er verirre sich oder er sei so weit in der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch, einer Fremde, in der selbst die Luft keinen Bestandteil der Heimatluft habe, in der man vor Fremdheit ersticken müsse . . .“

Ergänzt wird die Box durch eine 56-minütige Dokumentation von Nina Kusturica und Eva Testor. In „24 Wirklichkeiten in der Sekunde“ begleiten die Regisseurinnen Haneke beim Dreh, im Schneideraum, auf Set-Suche. Sie sind dabei, wenn er mit geduldigem Lächeln das immergleiche Prozedere der Filmvermarktung über sich ergehen lässt: Fernsehinterviews, Fototermine, Publikumsbefragungen. Wirklich nahe kommen sie ihm dabei nicht. Letztlich zeichnen auch sie an dem Bild weiter, dass Haneke immer wieder selbst von sich umreißt: das eines akribischen Künstlers, der seine Überzeugungen mit eiskalter Klarheit und Härte auf die Leinwand bringt. Julian Hanich

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