Kino : NEU AUF DVD

Frank Noack

KLASSIKER Imitation of Life – Solange es Menschen gibt. Regie: Douglas Sirk (Carol Media) Beethoven hat in seinen letzten Lebensjahren an der neunten Sinfonie gearbeitet, Dostojewski an den „Brüdern Karamasow“ und Rembrandt an seinem Selbstbildnis als griechischer Maler Zeuxis. In der Filmgeschichte gibt es ähnliche Alterswerke kaum – es sei denn bei Cecil B. DeMilles „Die zehn Gebote“, Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ und bei Douglas Sirks „Imitation of Life“ (1959). Sirk war 60, als der Film herauskam, und er muss gespürt haben, dass er diese Leistung nie übertreffen würde.

In diesem Mutter-Tochter-Melodram entgleitet zwei Frauen die Erziehung ihrer Kinder. Eine Mutter ist oberflächlich und weiß, die andere opfert sich auf und ist schwarz. Die schwarze Mutter hat eine hellhäutige Tochter, die sich als Weiße durchzuschlagen versucht. Ein Grund für den Kultstatus des Films ist sein crossover appeal: Man muss weder Frau noch schwarz noch weiß sein, um sich mit den Figuren identifizieren zu können. Er steckt bereits in der Romanvorlage von 1934: Fannie Hurst, Chronistin der jüdischen Gemeinde New Yorks, befand sich in einer künstlerischen Sackgasse und verwandelte die jüdische Mamme in eine schwarze Mammy. Ein weiterer Grund für den Kultstatus des Films ist sein teurer Look. Schon während des Vorspanns fallen Diamanten ins Bild – man erfährt sogar den Sponsor von Lana Turners Juwelen –, und dazu erklingt der Titelsong: What is love without the giving / without love you’re only living / an imitation, an imitation of life. Er intoniert das zentrale Thema: das Leugnen von Gefühlen. Und dass Menschen, die ihre Gefühle verleugnen, nicht unbedingt schlecht sein müssen.

Dem Film ist vorgeworfen worden, er akzeptiere den Rassismus in der Gesellschaft und nehme die Scham der hellhäutigen Tochter über ihre Herkunft als selbstverständlich hin. Gerade darin jedoch liegt seine Stärke; deshalb hat auch Fassbinder den Film so geliebt. Sirk entwirft keine Utopie. Er akzeptiert seine Figuren, wie sie sind, mit allen Schwächen. Und der Zuschauer ist erschüttert, weil er ihnen nicht helfen kann.

Abgesehen vom Originaltrailer ist dies eine DVD ganz ohne Extras. Dabei ist Sirk in seinen letzten Lebensjahren ausgiebig interviewt worden und war zudem Gegenstand anregender filmwissenschaftlicher Debatten. Eine vorbildliche Sirk-Edition steht noch aus. Aber sein Meisterwerk ist lieferbar, und das ist die Hauptsache. Frank Noack

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