Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

POISON. Regie: Todd Haynes (Alamode) Der Polizist schafft es nicht, dieses eine Wort auszusprechen. Erst als er seinen Gefangenen fragt, ob man „homosexual“ mit oder ohne Leerzeichen schreibe, bringt er es über die Lippen – stolpernd, in zwei Teile zerbrochen, nicht mehr gar so schlimm. Dem Gefangenen ist es egal. Die meiste Zeit seines Lebens war er weggesperrt. Er ist der „Homo“ in einer der drei Geschichten, die Todd Haynes in seinem Langfilmdebüt „Poison“ (1990) erzählt.

Als die Geburt des „New Queer Cinema“ wurde „Poison“ damals gefeiert, die christliche Rechte Amerikas lief Amok: ein Schwulenfilm, von der staatlichen Kulturförderung finanziert und noch dazu auf dem Sundance Festival ausgezeichnet! In der Episode „Homo“, einer von Jean Genets „Tagebuch eines Diebes“ angeregten Mischung aus hartem Gefängnis- und lyrischem Kunstfilm, wird die ruppige Liebesgeschichte zwischen zwei Insassen eines Gefängnisses erzählt, die sich selbst dort als Außenseiter fühlen. Wobei der Film des Regisseurs, dessen neuestes Meisterwerk „I’m Not There“ derzeit im Kino läuft, generell fragt, wie eine Gesellschaft auf Abweichler reagiert, wie sie Kranke stigmatisiert oder Verfehlungen sanktioniert. Haynes illustriert dies in drei parallel montierten, virtuos gestalteten Geschichten, die jenseits ihrer Motive nichts gemein haben, kein gemeinsames Ende finden und in unterschiedlichen Welten und Genres stattfinden.

„Hero“ etwa wühlt im Stil einer TV-Dokumentation in der Familiengeschichte eines Siebenjährigen, der seinen Vater erschossen hat. Bekannte und Mitschüler fanden den Jungen schon immer seltsam, sagen sie frontal in die Kamera. Man habe ihn einfach prügeln müssen. Er habe das so gewollt. Wer dieser Junge ist, erfährt man kaum; was ihn angetrieben hat, bleibt Inhalt wüster Vermutungen. In der Episode „Horror“ will ein Wissenschaftler den Sexualtrieb des Menschen in einer Flüssigkeit konzentriert haben. Als er versehentlich davon trinkt, mutiert er zum Monster, das seine Umwelt terrorisiert. Bald wird er zuerst in den Zeitungen als „Lepra-Mörder“ bezeichnet, dann von der Bevölkerung gejagt. Er ist der Alien der sensationsheischenden FünfzigerJahre-Science-Fiction-Filme, in deren Tradition Haynes diese Episode in Schwarz-Weiß gefilmt hat. Da hilft dem Armen auch die Liebe seiner Assistentin nicht weiter, bald spiegelt sich seine Entfremdung sogar in den Kameraperspektiven wieder. Zu dieser Welt und ihrer Moral hat er jegliche Bindung verloren.

Sexualität, Gewalt, Außenseitertum sind die Gemeinsamkeiten dieser Geschichten, nach denen man zwangsläufig zu suchen beginnt. „Poison“ ist einer der Filme, die jenseits bloßen Geschichtenerzählens dem Kino zutrauen, dass es eine eigene Form des Denkens erschafft – durch Bilder und deren Beziehungen, durch das Spiel mit Sehgewohnheiten und Genres, durch den kritischen Blick auf Normen, ohne dabei alles erklären zu wollen. Die Leerstellen zwischen den Geschichten sind darin das Aufregendste, sie sind die Leerstelle zwischen „homo“ und „sexual“: Graubereiche menschlicher Identität. Karl Hafner

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