Kino : NEU AUF DVD

Jan Schulz-Ojala

DIE FRAU IN DEN DÜNEN Regie: Hiroshi Teshigawara (trigon film) Der Lehrer aus Tokio, in seiner Freizeit Insektensammler, hat nach einem Tag am Meer den Bus verpasst. Bewohner des nahen Dorfs vermitteln ihm einen Schlafplatz – im Haus einer allein lebenden Frau, zu dem man nur über eine Strickleiter gelangt: In einer Art Trichter liegt es, umgeben von gewaltigen Sandmassen. Am anderen Morgen ist die Strickleiter fort, weggeschafft von den Dorfbewohnern, und was als Zufallsnacht begonnen hat, wird eine Geschichte für immer.

Von Gefangenschaft und Heimat, Rebellion, Resignation und Implosion einer Seele erzählt Hiroshi Teshigahara in seinem Zweieinhalbstunden-Meisterwerk „Die Frau in den Dünen“ (1964), nach dem gleichnamigen Roman von Kobo Abe. Davon wie Menschen sich in die Falle des Lebens und der Liebe ergeben; wie sie, insektengleich, auf allerlei Wegen dem Verkommen zu entkommen suchen und sich dreingeben in eine Gewalt, die sie Schicksal nennen. Erst das Toben, dann die List, dann das Betteln und eine Unterwerfung, die sich als Einverständnis tarnt – und irgendwann schaufelt der Mann (Eiji Okada) mit der Frau (Kyoko Kishida) tagtäglich den nachrieselnden Sand, der abends mit dem Seilkorb hochgezogen wird. Ob er die zweifellos schöne Frau auch zu lieben beginnt, im Mikrokosmos aus Sand und Schweiß und Wasserarmut und schmalen Essens- und Schnapsrationen, die in den Trichter geworfen werden – oder liebt sie ihn? Komisches Wort: Liebe. Komische Frage.

Um es annäherungsweise europäisch zu fassen: Zwischen Kafka und Sartre, zwischen Resnais und Antonioni siedelt diese Geschichte sehr in Schwarz und wenig in – dann gleißendem – Weiß. Die Kamera (Hiroshi Segawa) kriecht über Haut- und Sandlandschaften, arbeitet mit extremen Close-ups und klaustrophobisch anmutenden Totalen; die Musik (Toru Takemitsu), sparsam eingesetzt, tönt wie ein stellvertretendes Klagen und Schreien. Als sei die Verwandlung des Menschen in den Sandlaufkäfer unausweichlich, als tastete sogar der Film seinen Lebensgefängnisraum nur mehr mit dessen Sinnen ab.

Bonusmaterial? Keines. Bonus genug, dass der Film nun selber verfügbar ist: seltsam gefangen, endlich, Sand im Glas – in einer knallroten Kassette mit dem Roman Kobo Abes, der selber das Drehbuch schrieb. Etwas zum Hin- und Herlesen zwischen Buchstaben und Bildern, zum Verschwinden in der Parabel davon, wie die gequälte Kreatur sich zur Illusion der Freiheit vorankämpft; zum bittersten Trost der Welt. Jan Schulz-Ojala

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