Kino : NEU AUF DVD

Silvia Hallensleben

GESAMTKUNSTWERK Die Filme der Gruppe Arnold Hau 1970-81 (Doppel-DVD, absolut Medien) 1966 erschien ein biografisches Büchlein mit dem Titel „Die Wahrheit über Arnold Hau“. Das darin präsentierte Künstlerporträt eines angeblichen Universalgenies war reine satirische Einbildung, ein lustvoll verspieltes Fake aus der Feder der Pardon-Autoren Robert Gernhardt, F. K. Waechter und Bernd Eilert. Bald darauf wurde „Arnold Hau“ zum Kollektivpseudonym einer Reihe satirischer Filme, die das Trio mit dem Regisseur Arend Agthe in die Welt brachte. Werke, die die damals eher bleigewichtige deutsche Filmlandschaft mit anarchisch-absurdem Humor bereicherten und dafür von Kritik und Nachwelt weitgehend missachtet wurden. Späte Ausnahme: eine Ausstellung Anfang 2008 im Frankfurter Filmmuseum.

Jetzt gibt es zumindest auf DVD Gelegenheit, diesen verdrängten Teil deutscher Nachkriegsfilmgeschichte aufzuarbeiten – und sich dabei prächtig zu amüsieren. Zu sehen sind alle Hau-Projekte von „Milchkännchen und Fischstäbchen in der Antarktis der Schnüffler“ bis zu „Hier ist ein Mensch“, einem frühen Vorläufer des Videoclip, der den entsprechenden Peter-Alexander-Song mit vielen Zooms im Übrigen wortgetreu bebildert. Ein halbes Dutzend Filme und komödiantische Glücksmomente, die auf der zweiten Scheibe zudem mit ein paar Bonus-Bonbons unterfüttert werden.

Höhepunkt der Sammlung aber ist „Das Casanova-Projekt“ von 1981. Eigentlich sagt das Motto des 75-minütigen Spielfilms bereits alles über den Geist der Truppe: „Wie man leben könnte, wenn man leben würde oder was“ heißt es da schön schnoddadornoesk, und dazu bläst ein melancholisches Saxophon. Und dann kommt auch schon Hau-Lieblingsdarsteller Alfred Edel im Staubmantel über die Main-Brücke geschlendert. „Das Casanova-Projekt“ handelt davon, wie ein von seiner Übermutter geplagter Jungfilmer an einen eitlen und unfähigen Hauptdarsteller gerät. Der 1993 verstorbene hessische Extremschauspieler Alfred Edel zeigt hier (unter eigenem Namen und mit Anteilen seiner eigener Persona) mit Perücke und dilettantischen Fechteinlagen aufs Vortrefflichste, was er alles nicht kann. Und weil die sogenannte Neue Frankfurter Schule (die auch ein Reflex der alten Frankfurter Schule ist) in diesem ihrem filmischen Hauptwerk den verstiegenen Kunstdiskurs jener Jahre nicht ungeschont lassen will, wird auch tüchtig herumschwadroniert. Edel will unbedingt einen „dialektischen Casanova“ entwerfen, der in die Bleikammern hineinkriecht, statt aus ihnen zu fliehen – auch wenn das Publikum dann leider nichts mehr sehen kann. Macht nichts, meint Edel: „Der ganze junge deutsche Film lebt doch von abstrakten Phantasiestützen.“ Silvia Hallensleben

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