Kino : NEU AUF DVD

Christian Schröder

KLASSIKER Douglas Sirk Collection (Koch Media). Douglas Sirk: Zeit zu leben und Zeit zu sterben (Carol Media). „Sirk hat die zärtlichsten Filme gemacht, die ich kenne“, so schwärmte Fassbinder. „Filme von einem, der die Menschen liebt und sie nicht verachtet wie wir.“ Happyends sind für die Helden von Douglas Sirks Filmen in der Regel nicht vorgesehen. Ihre Liebe hat keine Chance gegen die Konventionen der Zeit. Die „Douglas Sirk Collection“ versammelt drei weniger bekannte Werke des Melodram-Meisters. Sie handeln von Leidenschaft und Entsagung, vom Rückzug in die Windstille von Provinz und Familie.

„Man weiß erst, was es bedeutet, ein Zuhause zu haben, wenn man es verloren hat“, seufzt Barbara Stanwyck in „All meine Sehnsucht“ (1952). Sie gibt die Grand Dame, dabei ist sie bloß eine abgetakelte Schauspielerin, die einst Mann und Kinder für die Karriere verließ und nun auf Durchreise zu ihr zurückkehrt. Eine Frau mit Vergangenheit, auch in „Es gibt immer ein Morgen“ (1955) verkörpert die eiserne Blondine Stanwyck dieses Rollenfach. Als erfolgreiche Modemacherin trifft sie ihren Ex-Lover Fred MacMurray wieder, einen Spielzeugfabrikanten und emotional vernachlässigten Gatten. Die schönste Szene spielt im Ausstellungssaal der Fabrik, ein Rendezvous zwischen Puppen, Spielzeugeisenbahnen und „Rex, dem Walkie-Talkie-Roboter“.

In „Der letzte Akkord“ (1956), gedreht in München und Salzburg, verliebt sich June Allyson als Austausch-Amerikanerin in einen von Rossano Brazzi dargestellten Stardirigenten. Allerdings ist er verheiratet, mit einer dem Wahnsinn verfallenen Marianne Koch. Mächtig schwillt die Musik von Wagner und Mozart in diesem wüsten Gemisch aus technicolorbunten Hochglanzbildern und extremen Stimmungslagen. „Alle Sirkschen Figuren laufen einer Sehnsucht hinterher“, schrieb Fassbinder. Marianne Koch zeigt, wie man an der Sehnsucht zerbrechen kann. So gut wie in diesem Film war sie vielleicht nie wieder. Christian Schröder

Die Konflikte, die Sirk in seinen Melodramen abhandelte, waren ihm persönlich fremd. Sechzig Jahre lang lebte er mit derselben Frau zusammen, er schlief nicht mit Starlets und war kein Alkoholiker. Und doch gab es ein privates Drama bei ihm, es ereignete sich, als er noch Detlef Sierck hieß. Seine erste Ehe hatte einen Sohn hervorgebracht. Als die Nazis an die Macht kamen, nutzte die geschiedene Frau die Rassengesetze, um Sirk den Umgang mit seinem Sohn zu verbieten, denn seine zweite Frau war Jüdin. Der Sohn fiel mit 18 Jahren an der Ostfront. Hier spielt „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ (1958), Sirks vorletzter Film nach einem Buch von Remarque. Prolog und Epilog sind in Russland angesiedelt, während die Haupthandlung einen Fronturlaub in einer deutschen Kleinstadt schildert. Trotz Liselotte Pulver in der weiblichen Hauptrolle stieß der Film in Deutschland auf Ablehnung Man wollte sich nicht von zwei Emigranten über KZ-Gräuel belehren lassen. Heute beeindrucken gerade die Stilisierungen und surrealen Elemente des Films. Schon der Vorspann erzeugt Gänsehaut: Kirschblüten fliegen vor einem blauen Hintergrund durchs Bild, gefolgt von Regen und Schnee. Später fallen Bomben, doch die Flugzeuge sieht man nie.

Frank Noack

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