Kino : NEU AUF DVD

Jan Schulz-Ojala

DRAMA Schmetterling und Taucherglocke. Regie: Julian Schnabel. prokino, 17,95 €. Das Hauptmenu ist mit Charles Trenets zauberhaftem Chanson „La mer“ unterlegt, und da kann es schon passieren, dass man vor lauter Zuhören vergisst, hier oder dort auf „Enter“ zu drücken. Ordentliche DVDs starten in solchen Fällen erst mal den Film selber, Extras kann man ja später noch klicken. Nicht so hier: Es folgt ein Paarminutentraum, in dem der Zuschauer sich probeweise in Jean-Dominique Bauby einfühlen darf, den fast vollständig gelähmten Helden des Films. „Guten Tag“, sagt die Sprachtherapeutin, sie stellt den Blinzel-Test vor („ja“ heißt einmal blinzeln, zweimal heißt „nein“), und schon erscheint zu Unterwasserbildern der Schriftzug: „Für Ja drücken Sie die Enter-Taste der Fernbedienung“. Und bald bieten die Zeilen zu Bildern eines sich entpuppenden Schmetterlings der Reihe nach alle Extras an. Wollen sie dies oder vielleicht doch lieber jenes, fragen sie behutsam und fließen und flattern und fliegen – so schön, dass man schon wieder vergisst, „Enter“ zu drücken.

Alles ist anders in „Schmetterling und Taucherglocke“. Der Film zuerst: Die Kamera ist das Auge des Gelähmten, und der Gelähmte bist du. So beginnt die Geschichte des „Elle“-Chefredakteurs namens Bauby, der nach einem Schlaganfall seiner Logopädin monatelang Buchstabe für Buchstabe, blinzelnd eben, das Buch seines Lebens diktierte und zehn Tage nach dessen Veröffentlichung starb. Die spektakuläre und zugleich stille Geschichte von der Lebenslust und vom Sterben, Julian Schnabels alles überstrahlender Film des Jahres, hat über 200 000 Zuschauer in die deutschen Kinos gelockt, das ist wunderbar viel und doch nicht genug. Nun verführt die DVD zur ebenfalls sehr angemessenen Besichtigungsbegegnung abseits der dunklen Säle, aus denen man tränenblinzelnd ins Helle geht; also zu Hause und am besten allein.

Unter den Extras empfiehlt sich, wenn die Entzauberung nicht zu grob geraten soll, allein der Audiokommentar des Regisseurs. Der aber sehr. Denn Julian Schnabel zweifelt schließlich selber daran, die Machart der Geschichte und der Bilder zu entmystifizieren, „because it's real what you see“, und so darf der Zuhörer seiner trägwachen Stimme vertrauen. Wie ein Freund beugt er sich über das Album der bewegten Bilder, schweigt zuweilen, spricht dann wieder unbekümmert einen Gedanken in die nächste Szene hinüber. Nichts stört: An einigen Stellen verrät er sogar, wie anders manches im Leben und Sterben Baubys wirklich war – aber was sind sogenannte Tatsachen gegen die Wahrhaftigkeit der Fantasie? Ja, so lässt sich „Schmetterling und Taucherglocke“ noch einmal schauen, mit den Augen seines Erfinders, bis zu jenen drei umwerfend hingenuschelten Wörtern ganz am Ende des Anspanns, nicht mehr für uns. Jan Schulz-Ojala

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