Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

BAD BOY BUBBY Regie: Rolf de Heer (Doppel-DVD mit 70 Minuten Bonusmaterial, Label Bildstörung). Der Australier Rolf de Heer dreht typische Festival-Filme. Die Kritik applaudiert, doch die Verleiher wittern selten ein Geschäft. Zuletzt konnte man zwar de Heers Aborigines-Film „10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen“ im Kino sehen, der 2006 in Cannes den Jurypreis gewann und zudem das aktuelle Ethno-Interesse des deutschen Kinos bedient. Auch de Heers „Bad Boy Bubby“ (1993) wurde auf einem großen Festival gefeiert, in Venedig, verschwand dann schnell aus dem Filmgedächtnis. Zu Unrecht.

„Bad Boy Bubby“ ist eine moderne Kaspar-Hauser-Geschichte. Seit 35 Jahren wird Bubby von seiner Mutter in einer schäbigen Wohnung gefangen gehalten. Von der Welt weiß er nichts außer ein paar Lügen, sprechen kann er kaum, und sein einziger Freund ist eine Katze, an der er durchexerziert, was er selbst erleben muss. Das Elend hat erst ein Ende, als Bubbys Vater, ein Ex-Priester, auftaucht und die Mutter mit seinem grapschenden Händen in Beschlag nimmt. Aus Unwissenheit und Eifersucht tötet Bubby seine sadistischen Erzeuger und tritt endlich hinaus in die Menschenwelt. Eine halbe Stunde dauert diese ungeheuer beklemmende Eingangssequenz, die unweigerlich an David Lynchs „Eraserhead“ erinnert.

Doch mit Bubbys Flucht wird aus dem apokalyptischen Alptraum aus Misshandlung, Inzest und Quälerei ein modernes Märchen, manchmal albern, oft tragisch, jedoch immer voller Hoffnung und Humor. Bubby kommt mit dem Prinzip Imitation über die Runden: Er macht nach, was andere machen. Er plappert nach, was andere plappern. Sein rüder Minimal-Wortschatz ist zu Beginn keineswegs sozialverträglich, doch er lernt. Irgendwann findet er Menschen, die ihn kurios, später dann liebenswert finden.

Was bedeutet Menschsein, wenn man es nicht gelernt hat? Was ist Schönheit, wenn man das allgemein akzeptierte Ideal gar nicht kennt? Kann man schuldig werden, wenn man nicht wissen kann, was Moral ist? Dass solche Fragen den Film nicht erdrücken, liegt an Hauptdarsteller Nicholas Hope, der anrührend naiv spielt, ohne ins Deppenhafte abzugleiten. Und daran, dass der Film immer wieder ins Absurde kippt, fernab einer gestelzten Sozialstudie.

Bubby erlebt die Geschichte einer Erlösung mit rettendem Engel, eine Reise aus der Hölle ins Paradies. Mit religiösen Heilversprechen hat das nichts zu tun. Ein beschädigter Mensch bekommt seine Kindheit zurück – durch das Kino, das eine bessere Welt als die unsere entwerfen und sogar schwerste seelische Wunden noch heilen kann. Karl Hafner

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