Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

Wie unschuldig diese Bilder aus der Kindheit doch wirken! Lachende Schneemänner, ein weißes Kaninchen, ein großer, brummender Braunbär und dann heißt der Bösewicht auch noch König Knuffi. Zur geheimnisvollen Insel dieses Knuffis fahren Käpt''n Gustav und seine Crew in ihrem Schneckenboot, um die dortige Tyrannei zu beenden. Wenzel Storch, der unabhängigste aller Filmregisseure, hat mit DIE REISE INS GLÜCK (2004) ein schrilles, schrecklich schönes Märchenkino gebastelt, eine Mischung aus Trick- und Realfilm, in dem unsere Wirklichkeit nichts mehr zu suchen hat. Nichts passiert mit plausiblem, logischem Grund – Freudianer und Jungianer mögen hier eine Aufgabe entdecken, für alle anderen zählt der Spaß am Infantilen, an sprechenden Tieren, am Pipi-Gaga-Humor. Ja, auch gepinkelt wird, was die Blase hergibt und das kann viel sein, wenn Thronwächter an Harndrang leiden. Das Kaninchen mutiert zur Zeitmaschine, mit der man in ein drittes Reich gelangt, während sich die Frösche über Kunst unterhalten. Im Kinosaal des Schneckenboots laufen die Filme in Schwarz-Weiß – aus rein cineastischen Gründen, und irgendwie denken alle nur an Sex. Erzählen kann man das alles nicht, man muss diese seltsame Welt sehen, mit ihren abstrusen Details, ihren Assoziationen und Albernheiten. Die DVD (erhältlich nur über www.cinemasurreal.com) enthält über 240 Minuten Bonus-Material, das schon den Kauf lohnt. Verschiedenste Making-ofs zeigen Willen und psychedelischen Wahnsinn hinter diesem Projekt, an dem Storch und seine Mitstreiter mit Mini-Budget zehn Jahre lang gearbeitet haben.

Ein Kokaindeal ist es, der Klaus Lemkes DIE RATTE (epix) antreibt. Von dessen Gewinn will der Kleinganove und Großkotz Sven, Held dieses HamburgFilms von 1992, seinen Porsche 365 zurückkaufen, um sich nach der Zeit im Knast wieder komplett zu fühlen – als Mann mit allem, was für ihn dazugehört: Nutten, Autos, Rolex-Uhren und Koks. Das eine führt zum anderen, zum nächsten Schritt auf der Kiez-Karriereleiter. Bei aller Großspurigkeit ist Sven jedoch ein eher armseliger Tropf, einer von denen, die mehr darstellen wollen, als sie jemals sein werden mit ihren lässigen Gesten, Zitaten und Sonnenbrillen. Der 15-jährige Ricki bewundert seinen Bruder jedoch und hängt wie eine Klette an ihm, um endlich etwas zu erleben. Anfangs driftet der Film durch St. Pauli, über die Reeperbahn, vorbei an den Prostituierten, in die nächste Kaschemme, wo der Herzschmerz-Pop aus den Lautsprechern so etwas wie Romantik evoziert. Alles passiert beiläufig, scheinbar ohne Plan. Sven steht an einer Ecke, Sven trifft jemanden, Sven soll Schulden bezahlen. Erst langsam nimmt das Geschehen Kurs auf ein Bruder-Duell. Ricki soll aufpassen, dass er nicht als Loser endet wie sein Bruder, heißt es überall. Sven selbst bemerkt das gar nicht. Er findet sich gut. Authentisch wirkt das Ganze, aus dem Leben gegriffen und doch erschafft dieses Kiez-Gehabe an sich schon eine Fantasie-Welt, in der sich jeder so verhält, wie es der Kodex des Coolen will. Lemke zeigt das bei aller Schäbigkeit herzlich, humorvoll und so warm, wie sich Alkohol am Ende einer Nacht nur anfühlen kann. Karl Hafner

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