Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

Das neue Jahrtausend war bisher keine gute Zeit für Jean-Claude Van Damme. Kein einziger seiner Filme hat seitdem den Weg ins Kino gefunden. Alles wurde gleich auf DVD veröffentlicht für hartgesottene Fans, die auf einen zweiten „Bloodsport“ oder einen neuen „Universal Soldier“ hofften. Van Damme in einer Lebens- und Schaffenskrise – das ist der Ausgangspunkt des fiktiven Biopics JCVD (Kochmedia), das der Franzose Mabrouk El Mechri 2008 gedreht hat. Der Film kam sogar in einige Kinos und wurde auf Festivals gezeigt. Van Damme verliert in „JCVD“ den Sorgerechtsprozess um seine Tochter. Ihm wird vorgeworfen, er habe nur jugendgefährdenden Mist fabriziert. Sogar die Tochter will lieber zu Mami, da sie immer nur verspottet würde von ihren Klassenkameraden, wenn Papi am Abend vorher im Fernsehen war. Seine Kreditkarten sind gesperrt, Vorschüsse für das nächste Filmprojekt gibt es auch keine, weil sich die Produzenten doch lieber für Steven Seagal entschieden haben. In einer lausigen Postfiliale bettelt JCVD um Geld – und wird prompt bei einem Überfall als Geisel genommen. Das ist alles gewaltiger Unsinn, den Regisseur El Mechri da veranstaltet – und alles in allem ganz schön schlau. Ein Spiel um Erwartungen an den Actionstar, den jeder kennt, aber keiner für voll nimmt. Vielleicht ist JCVD tatsächlich ein unterschätzter Schauspieler. Zumindest ist er zu Selbstironie fähig in diesem gelungenen Film.

In einer Krise steckt auch Vincent in Laurent Cantets grandiosem Auszeit (alamode) von 2001. Vincent hat nach elf Jahren seinen Consultant-Job in einer angesehenen Firma verloren. Doch seiner Familie und seinem Umfeld sagt er etwas anderes: Er arbeite jetzt in der Schweiz für die Uno. Mal etwas Sinnvolles machen, wie er zu verstehen gibt. In Wirklichkeit fährt er ziellos mit dem Auto umher und übernachtet auf Parkplätzen. Seinen Vater bittet er um Geld, angeblich für eine Wohnung. Freunden rät er zu dubiosen Devisengeschäften in Osteuropa, die er für sie unternehmen würde – und streicht das Geld einfach ein. Der Mensch und sein Verhältnis zu seiner Arbeit, das ist immer wieder Cantets Thema, etwa in „Ressources humaines“ oder zuletzt in seinem gefeierten „Die Klasse“. Arbeit stiftet in „Auszeit“ (L’emploi du temps) keinen Sinn mehr. Vincent ist leer und ausgebrannt, alles ist Stillstand. Sein Handeln, hinter dem man zu Beginn noch Planvolles vermutet, stellt sich bald als hilfloses Davondriften aus der Realität dar. Vincent entscheidet nichts mehr, nur noch das Heute gilt. Der Film ist durchzogen von einer bitteren Trauer, einer emotionalen Ausweglosigkeit, die beinahe in die Berufskriminalität führt, in eine Arbeit, die immerhin konkret und dadurch beinahe ehrlich wirkt. Hier wird mit tatsächlichen Produkten, wenn auch gefälschten, Geld gemacht und nicht nur mit der allseits gültigen Überzeugung, dass man für irgendeine Beratung Geld auszugeben habe. In den Gesprächen mit seiner Familie wird deutlich, wie weit Vincent bereits zu Beginn von Job und Familie entfernt war. Seine angeblich neue Arbeit ist für seine Angehörigen nicht abstrakter als seine alte. Für Vincent sind beide Jobs Lebenslügen.

Mit einem Verlust und einem Selbstmordversuch beginnt François Truffauts Kriminalfilm Die Braut trug schwarz (La mariée était en noir, alive) von 1967. Hier erwächst aus einem Zustand der Trauer purer Hass. Truffaut hatte damals gerade seine legendären MarathonInterviews mit Alfred Hitchcock hinter sich und drehte dann mit „Die Braut trug schwarz“ selbst einen Film in Hitchcock-Manier – mit zahlreichen Reminiszenzen, etwa an „Marnie“ oder „Vertigo“. Die Filmmusik schrieb Bernard Hermann, der auch viele Hitchcock-Filme vertont hatte. Jeanne Moreau spielt mit Julie Kohler eine gebrochene Frau. Die Trauer ist ihr ins Gesicht geschrieben und doch wird sie nie ihre Selbstbeherrschung verlieren. Sie hält sich strikt an ihren Plan zur Bewältigung ihrer Krise: Sie will sich an den fünf Männern rächen, die für den Tod ihres Ehemanns verantwortlich sind. Truffaut lässt Julie als kalten Racheengel erscheinen – in vornehmlich schwarzen oder weißen Kleidern. Das Faszinierende an diesem Film ist das Spiel mit der Verführung. Julie taucht wie zufällig in Leben der Opfer auf, spielt mit Hoffnungen und wird zum Objekt der Begierde, bevor sie den Tod bringt. Und dann wird wieder, ganz systematisch, ein Name aus dem Notizbuch gestrichen. Julie bleibt die Rache als Ziel im Leben – eine Obsession als letzter Liebesbeweis.

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