Kino : NEU AUF DVD

Karl Hafner

THE BOYS FROM BRAZIL Regie: Franklin J. Schaffner (Concorde) – 1978 war das Vierte Reich wieder einmal kaum aufzuhalten. Schließlich habe die Faszination für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus immer noch nicht nachgelassen, meint Josef Mengele in Franklin J. Schaffners Thriller „The Boys from Brazil“. Der Film erzählt, nach einem Bestseller von Ira Levin, eine äußerst krude, schrille Story: Nach dem Krieg arbeiten ehemalige Nazi-Größen unter der Führung Mengeles (Gregory Peck) am Fortbestand der Übermenschen-Idee. Deshalb müssen 94 Männer ermordet werden, alle im Alter von 65 Jahren, mit christlich-bürgerlichem Hintergrund. Auch der Nazijäger Ezra Liebermann (Laurence Olivier) kann sich den Grund für diese scheinbar sinnfreien Taten erst spät erklären und ist dann genauso ungläubig wie der Zuschauer, der derlei eher in einem C-Movie und nicht in einer großen Produktion mit Star-Besetzung erwartet: Mengele hat tatsächlich 94 Klone seines geliebten Führers in die Welt gesetzt.

Der Film ist über weite Strecken kühl und elegant mit der typischen Fortschrittsparanoia der Siebzigerjahre-Thriller inszeniert. Die Schauspieler agieren hervorragend, unter ihnen auch Bruno Ganz als Genforscher mit Gewissen. Gewiss geht es in erster Linie um die Problematik des Klonens und die Frage, was ein Mengele mit dieser Technik der Menschheit antun könnte. Auch werden hier immer wieder moralische Standpunkte in Stein gemeißelt – und dennoch gleitet der Film immer wieder lustvoll in eine naive Faszination für das absolut Böse. In Deutschland kam der Film erst Jahre später und fatal um zwanzig Minuten gekürzt in die Kinos. Nationalsozialismus, das zeigt die nun erschienene Ursprungsversion ganz klischeehaft und überzeichnet, ist zackiges Deutschtum, Wiener Walzer und dekadentes Festefeiern unter großen Hakenkreuzfahnen. Und Mengele schreitet wie ein James-Bond-Bösewicht im weißen Anzug auf und ab und fabuliert von der arischen Rasse. Nur wenige Mainstream-Filme – „The Boys from Brazil“ wurde damals sogar für drei Oscars nominiert – verwenden typische Elemente des Exploitationkinos so beiläufig und selbstverständlich wie dieser. Gruselig faszinierend. Karl Hafner



UNSER AMERICA Regie: Kristina Konrad (good ! movies) – „Freiheit oder Tod“ rufen die Menschen, eine große Reiterstatue wird gestürzt: Szenen nicht aus den nachsozialistischen Umbrüchen, aus Bagdad oder Basra, sondern aus dem Managua der späten siebziger Jahre. Der blutige Diktator hieß Anastasio Somoza Debayle – und diejenigen, die eben noch im Irak als Befreier auftraten, hatten den Krieg zu seiner Unterstützung mit dem Verkauf von Waffen an den Iran bezahlt. Die Schweizerin Kristina Konrad war damals eine von den vielen jungen Europäern, die in das kleine mittelamerikanische Land zogen, um mit Kaffeepflücken oder dem Bau von Schulen Solidarität zu beweisen. Oder auch als Chronistin: Mit ihrer 16-mm-Kamera filmte sie Freudenfeste und Volksreden, vor allem aber den Aufbruch der Frauen gegen den tief verwurzelten Machismo.

Zwanzig Jahre nach ihrem letzten Besuch und fünfzehn Jahre, nachdem das Ende der sandinistischen Revolution durch den Wahlsieg von Violeta Chamorro besiegelt wurde, setzte sie sich mit einem kleinen Filmteam erneut ins Flugzeug in das mittlerweile heftig neoliberalisierte Land. Im Gepäck hat sie ihre Erinnerungen und ihre alten Filme – etwa eine Szene, die zwei junge Frauen in Tarnanzügen zeigt, von denen eine lachend ein romantisches Gedicht des nicaraguanischen Dichters Rubén Darío rezitiert. Was mag aus den Kämpferinnen geworden sein? Gehören sie zu den 30 000 Opfern des Contra-Krieges? Was bedeutet es, für eine verlorene Sache gestorben zu sein? Und was das Überleben, wenn die Träume dahin sind, die einmal fast zum Greifen nahe schienen?

„In der Ferne ein Versprechen zu sehen, für das es sich lohnt zu leben“, nennt es eine der ehemaligen Kämpferinnen, die sich heute allesamt auf den alltäglichen Überlebenskampf zurückgezogen haben. Analytische Gemüter dürften sich daran stoßen, dass nach den Umständen des revolutionären Niedergangs nie konkret gefragt wird. Doch „Unser America“ ist eher ein Requiem, zu dem die Posaune des Freejazzers Konrad Bauer ihre erfreulich unsentimentale Trauermusik krächzt. Nur der Ex-Bürgermeister von Managua beharrt auf einer Zukunft der sandinistischen Revolution. Wie hieß es noch bei Rubén Darío?: „Nicht tot sind, die in süßem Frieden im kalten Grabe ruhen, tot sind die, die mit kalter Seele weiterleben.“Silvia Hallensleben

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