Kino : NEU AUF DVD

Kerstin Decker

DAS BLAUE VOM HIMMEL Regie: Eldar Schengelaja (Icestorm) Ein Verlagshaus in Georgien, oder soll man besser sagen: eine Literaturverwaltung? Ein großes Ölbild irgendeiner Polargegend mit treibenden Eisstücken hängt an der Wand, und darunter sitzt seit 26 Jahren ein Lektor, der früher im Krieg einmal Panzerfahrer gewesen war. Nun, in seinem 27. Jahr unter dem Ölbild, erklärt der Lektor den Eisbergen den Krieg. Einer von uns beiden muss hier raus, entweder das Bild oder ich, erklärt der Lektor. Vielleicht kommt jeder Lektor einmal im Leben so weit.

Der georgische Regisseur Eldar Schengelaja hat Mitte der Achtziger einen Film über das Leben der Verwaltung gedreht. Mitte der Achtziger herrschten in der Sowjetunion Glasnost, Perestroika, der für Glasnost und Perestroika zuständige ZK-Generalsekretär Gorbatschow und auch schon ein wenig die kommende große russische Armut und der kommende große russische Reichtum. Aber die Filmemacher waren frei: befreit vor allem von der Allmacht der Bürokratie – hier der Filmverwaltung, die jeden Film schon verwaltete, wenn es ihn noch gar nicht gab.

Schengelajas Film funktioniert ungefähr wie das große Ölbild über dem Ex-Panzerfahrer. Es hat nichts von dem, was ein Bild haben sollte: keine Mitte, keinen Vordergrund, keinen Hintergrund. Kurz: Es ist wie die Bürokratie selbst. Darum ist es so genial – in diesem Film. Und wie es angebracht ist: überhängend über einem Hohlraum in der Wand. Solcher Aberwitz im Detail fasziniert. Was für eine unaufdringliche Liebe zum absurden Interieur! Wie in jeder Bürokratie gibt es auch in diesem georgischen Verlagshaus nur einen wirklichen Störfall, und das ist der Mensch, genauer: der Autor. Eben jener junge Mann, der allen Verantwortlichen persönlich ein eigenhändig abgetipptes Exemplar seiner neuen Erzählung „Die blauen Berge oder Tienschan“ überreicht.

In unserem Zeitalter der grenzenlosen Reproduzierbarkeit von Manuskripten ist das ein Umstand, der hier noch durchaus eine gewisse Dramatik erzeugt. Aber Schengelaja weiß, dass jede Behörde grundsätzlich jenseits des Dramas existiert. Seine Filmsprache bleibt lapidar, voller Aufmerksamkeit für die Nebensachen des Lebens, die in Behörden zu Hauptsachen werden. „Das Blaue vom Himmel“ ist kein im herkömmlichen Sinne lustiger Film, seine Komik bleibt unterhalb der Schwelle des Lachens, aber das spricht nicht gegen ihn.

Der Großkritiker der georgischen Verwaltung, Regisseur Schengelaja selber, sitzt heute im georgischen Parlament. Dort hat er bestimmt längst erfahren, dass es nur wenige Dinge gibt, die wirklich ewig sind. Gott vielleicht und die Verwaltung. Kerstin Decker

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