Kino : NEU AUF DVD

Jens Mühling

KLASSIKER Panzerkreuzer Potemkin Regie: Sergej Eisenstein (Transit Film/Deutsche Kinemathek) Ausreden gibt es jetzt nicht mehr. Wer den besten Film aller Zeiten immer noch nicht kennt, der kann nun nicht mehr behaupten, er warte noch auf die endgültige Luxus-DVD-Version mit neu orchestriertem Original-Soundtrack und umfassendem Bonus-Material. Denn es gibt sie jetzt – entstanden auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes, die 2005 den Filmrestaurator Enno Patalas mit der Rekonstruierung des Klassikers beauftragte. Welche Hürden es dabei zu nehmen galt, dokumentiert der beigefügte Film „Dem Panzerkreuzer auf der Spur“: Denn der Film hatte mehrfach Federn gelassen, die Patalas mit russischen Filmwissenschaftlern des Eisenstein-Zentrums mühselig auflas. Die internationale Besetzung des Teams trägt der Aufführungsgeschichte Rechnung: Nach seiner triumphalen Moskauer Premiere am 19. Januar 1926 war das Originalnegativ bald nach Berlin ausgeliehen worden. Dort lief der Film ebenfalls mit großem Erfolg – allerdings in einer erheblich umgeschnittenen Version, die den Vorgaben der Berliner Filmprüfstelle folgte. Besonders litt die berühmte Szene auf der Treppe von Odessa: Einige der angeblich „verrohend wirkenden Bildfolgen“ totgetrampelter und erschossener Menschen fielen der Schere zum Opfer. Eisenstein schnitt persönlich 30 Meter Material heraus – und flehte den Komponisten Edmund Meisel an, die Lücken wenigstens musikalisch zu überbrücken: „Ich brauche Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus!“

Meisels Musik gab dem Film fortan den Takt vor – auch als die umgeschnittene Version nach Moskau zurückkehrte. Denn spätere Vertonungen lösten sich zwar von Meisels expressionistischem Tongewitter, folgten aber weiterhin jener visuellen Dramatik, die Eisenstein erst als Notlösung und in Anlehnung an Meisels Musik erarbeitet hatte – nachdem das Orchester des Bolschoi-Theaters die Begleitung der Moskauer Premiere eher unwillig übernommen hatte: „Wie sollen wir denn Würmer im Fleisch illustrieren?“, hatte es geheißen.

Willigere Illustratoren fand das rekonstruierende Team beim Deutschen Filmorchester Babelsberg, das den Meisel-Soundtrack für die DVD komplett neu einspielte. Beigefügt sind der Edition zudem einige Einstellungen, die in Eisensteins Endfassung fehlen, darunter eindrucksvolle Aufnahmen eines inszenierten Streiks in einer Petersburger Zeitungsdruckerei. Hinzu kommen historische Bonbons – Filmaufnahmen von der Uraufführung, deretwegen die Fassade des Chudoschestwenny-Theaters zum Panzerkreuzer umgestaltet wurde – die Kartenabreißer posierten zur Freude der johlenden Kinogäste sogar im Matrosenkostüm! Wie gesagt, die Zeit der Ausreden ist vorbei. Jens Mühling

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