Neu im Kino : Guck mal, wer da liest

Fantasie? Fantasy! Cornelia Funkes Bestseller „Tintenherz“ kommt ins Kino. Den Zauber des Lesens kann der Film jedoch nicht ersetzen. Dabei ist er gar nicht schlecht.

Christina Tilmann
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Magie der Stimme. Mo (Brendan Fraser) mit Tochter Meggie (Mirabel O’Keefe). Foto: dpa

Nein, Brendan Fraser ist keine Silberzunge. Er ist auch kein melancholisch vergeistigter Büchernarr, der das Verschwinden seiner Frau vor neun Jahren nicht verwunden hat. Er ist eher der Kumpeltyp, der Klempner von nebenan, und die Verfolgungsjagd über die Dächer steht ihm weit besser als das Stöbern in alten Folianten. Doch wenn er liest, wenn seine berühmte Gabe zum Einsatz kommen soll, Charaktere aus Büchern heraus- oder wieder hineinzulesen, dann flüchtet sich der Film in einen verschwommenen Bildernebel. Die Magie einer Stimme, die aus der Fantasie Bilder erschafft – die hat Brendan Fraser nicht.

Auch sonst hat sie niemand in der Verfilmung von Cornelia Funkes Erfolgsroman „Tintenherz“, die in der Fan-Community mit Spannung erwartet und von einem Feuerwerk von Vermarktungsartikeln wie Hörbuch, Hörspiel, Filmbuch mit aufwendigen Ausklapp- und Spielelementen sowie einer „Tintenherz“-Sonderausgabe begleitet wird. In einer Szene muss Silberzunge Mo dem bösen Capricorn einen ganzen Schatz aus „Tausendundeine Nacht“ herauslesen, und alsbald klimpern die Goldstücke von der Decke. Einen ähnlichen Regen dürften sich auch die Produzenten und Verleger erhoffen – allein schon, damit auch die beiden weiteren Bände der Trilogie verfilmt werden.

Und doch: Für „Tintenherz“-Fans ist das Ergebnis eine Enttäuschung. Nicht dass es eine schlechte Verfilmung geworden wäre; in dem spannenden Abenteuerfilm, gedreht an malerischen Orten in Ligurien und Piemont, tritt Eliza Hope Bennett als tatkräftig-liebenswürdige Meggie auf, und Helen Mirren gibt eine wunderbar exzentrische Büchernärrin Elinor. Auch Funkes heimliche Hauptfigur, der Gaukler Staubfinger, der Feuer aus seinen Händen wachsen lassen kann und zerrissen ist zwischen Sehnsucht nach der Tintenwelt und Angst vor der Zukunft, hat in Paul Bettany eine angemessen charismatische Verkörperung gefunden.

Das Grundproblem hat Regisseur Iain Softley jedoch nicht gelöst: Jede Seite in „Tintenherz“ handelt vom Zauber des Lesens. Davon, dass ein simples Buch voller Buchstaben und eine magische Vorlesestimme die aufregendste aller Welten zum Leben erwecken können. Mit diesem Versprechen ist Cornelia Funke, ähnlich wie Joanne K. Rowling mit „Harry Potter“, zu einer der großen Wiederentdeckerinnen der Jugendliteratur geworden.

Im Film ist diese Qualität verloren. Sicher, das Versprechen, aus Fantasie Bilder erstehen zu lassen, hat das Kino mit der Literatur gemeinsam. Und die Faszination, die ersonnenen Figuren dann leibhaftig zu sehen, teilt der Buch-Dichter Fenoglio wahrscheinlich mit seiner Erfinderin. Cornelia Funke, die an diesem Mittwoch ihren 50. Geburtstag feiert, hat klare Vorgaben gemacht, was die Besetzung betrifft. Doch schon das Setting ist problematisch: Überdeutlich ist der Film auf den amerikanischen Markt ausgerichtet, bis hin zu Anleihen beim „Zauberer von Oz“ und bei „Huckleberry Finn“, die im Buch so nicht angelegt sind. Auch die Antiquariate, in denen Mo nach dem verschollenen Exemplar von „Tintenherz“ sucht, die Villa von Tante Elinor mit der legendären Bibliothek, die finsteren Feste von Capricorn – all das wirkt, wenn auch in Italien gedreht, ganz so, wie sich Amerikaner wohl Old Europe vorstellen. „Warum können wir nicht einmal in einen richtigen Buchladen gehen, mit Coffeeshop und Leseecke?“, fragt Meggie ihren Vater auf der Odyssee durch die Antiquariate. Sie hat ihren Willen bekommen: im Multiplex- und Popcorn-Kino.

Noch trauriger ist alles Fantastische. Das Mittelalter-Tintenreich, das Funke in ihren Büchern so bunt wie fremd, so geheimnisvoll wie gefährlich ausmalt – im Film wirkt es wie das computeranimierte Auenland von Mittelerde. Die faszinierende Figur des Schattens, den Meggie aus dem Buch herausliest, um mit Capricorn und seinen Genossen aufzuräumen: ein Trickfilm-Monster aus der Elektronikkiste. Und auch die fliegenden Affen, der Minotaurus, die blauen Feen mit Schmetterlingsflügeln: Sie alle erinnern eher an die entstellten Figuren, die der stotternde Ersatzvorleser Darius zuwege bringt und die im Film irritierenderweise Schriftzüge über den Gesichtern tragen. Die Fantasie gebiert wunderbare Geschöpfe. Iain Softley sind nur Fantasy-Kreaturen gelungen.

Ab Donnerstag in 27 Berliner Kinos. OV: Cinestar Sony-Center, Colosseum

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