Kino : Neues aus Nollywood

Zwischen Doku-Soap und Arte: „African Screens“, ein Afrika-Festival im Haus der Kulturen der Welt

Silvia Hallensleben

Es ist nur ein Gerücht, die Legende über die Anfänge des nigerianischen VideoBooms in den Neunzigern. Doch die Geschichte ist so hübsch, dass sie auch hier noch einmal kolportiert werden soll. Sie erzählt den Ursprungsmythos des sogenannten Nollywood. Seinen Anfang genommen haben soll diese Filmrichtung bei Händlern von Videoleerkassetten, die ihre Ware nicht loswurden und anfingen, sie mit selbstgedrehten Filmchen zu veredeln. Ob das nun stimmt oder nicht: Wahr ist, dass die mit einem Output von mittlerweile etwa 1400 Titeln pro Jahr drittgrößte Filmproduktion der Welt anfangs fast ausschließlich von Autodidakten realisiert wurde, die vorher als Händler oder gar mit Filmpiraterie ihr Geld verdient hatten. Das neue Geschäft lohnt sich, Millionen sehen die billig in wenigen Tagen auf Video heruntergedrehten Streifen in Filmclubs oder zu Hause.

Vor vier Jahren waren die nigerianischen Filme erstmals bei der Berlinale zu Gast. Bei den heute Abend eröffneten „African Screens“ im Haus der Kulturen der Welt ist Nollywood Ende Oktober ein ganzes Wochenendprogramm gewidmet, das mit Kenneth Nnebues „Living in Bondage“ von 1992 auch den ,Urfilm’ präsentiert. Einzigartig in der globalen Filmlandschaft ist dabei, dass die für den heimischen Markt produzierten Filme sich – bis jetzt – weder inhaltlich noch formal um den internationalen Filmgeschmack scheren. Es ist populäres Hausmacher-Kino: Soaps, Action und Horror; Stoffe, die von Korruption bis Hexerei die alltäglichen Problemlagen ihres Publikums berühren. Außerordentlich ist das deshalb, weil sich die Filmemacher des Kontinents sonst mangels eigener Produktionsmittel gezwungenermaßen an dem orientieren, was von internationalen Festivals und europäischen Förderinstitutionen als echt afrikanisches Kino goutiert wird. Dabei spielt der Fernsehsender Arte eine so herausragende Rolle, dass „African Screens“-Kurator Manthia Diawara der ,Arte-Ära‘ einen eigenen Schwerpunkt mit Podiumsdiskussion gewidmet hat.

Sie steht für eines von insgesamt vier Kapiteln des Programms, das durch eine Auswahl des letztjährigen FESPACO-Festivals in Ouagadougou ergänzt wird. Man wolle der „so politisch korrekten wie monolithischen Definition des afrikanischen Films durch europäische Kulturinstitutionen“ den „tatsächlich vorhandenen Reichtum des filmischen Vokabulars“ entgegensetzen, erklärt Diawara, der den Fachbereich African Studies der New York University leitet und als einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der Black Cultural Studies gilt. Dabei soll sich der Blick weniger auf den Gegensatz zwischen afrikanischen und westlichen Filmen richten als die Verschiedenheit der Filmsprachen und filmischen Visionen innerhalb Afrikas würdigen und untersuchen. Denn die haben in den letzten Jahren auch jenseits von Nigeria erstaunliche Dynamik gewonnen.

Der Eröffnungsfilm „Wolken über Conakry“ von Cheik Fantamady Camara aus Guinea lässt sich mit seinem fundamentalismuskritischen Impetus durchaus noch in der Tradition der sozialrealistischen Schule sehen, die prominent durch den letztes Jahr verstorbenen Vater des afrikanischen Kinos Sembène Ousmane verkörpert wurde und das europäische Bild vom afrikanischen Kino dominiert. Irritierend fremdartig präsentiert sich dagegen ein Film wie „Les Saignantes“ aus Kamerun, ein düsterer politischer ScienceFiction-Thriller, der seine antipatriarchale Botschaft mit traditioneller Magie auflädt und mit viel (weiblicher) nackter Haut garniert. Regisseur Jean-Pierre Bekolo sitzt Samstag auch in einem mit afrikanischen Filmschaffenden besetzten Panel zur postkolonialen Ästhetik.

Ergänzend zur aktuellen Produktion sind einige Programmplätze und Debatten der „African Screens“ auch einer Neuinterpretation afrikanischer Filmgeschichte gewidmet: Im Zentrum steht das Konzept der Négritude aus den dreißiger Jahren, das laut Diawara in Afrika derzeit eine Renaissance erlebt. Auch stilistisch brillant zum Ausdruck kommt der Aufbruch afrikanischen Selbstbewusstseins in Djibril Diop Mambétys expressiver Rebellenballade „Touki Bouki“ (Senegal 1973): Ein atemberaubend rasanter Film, der eine neue unverbrauchte und eigene Ästhetik jenseits der traditionellen Dorfgeschichten entwarf. Und ein Meilenstein nicht nur afrikanischer Filmgeschichte, dessen eindringliche Bildsprache und Symbolik in vielen aktuellen Filmen fortlebt.

Haus der Kulturen der Welt, bis 9. Nov., Programm unter www.hkw.de

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