"Neulich in Belgien" : Blutwurst für den Liebhaber

Vor der Kulisse des Hochhausviertels Moscou am Stadtrand von Gent setzt der belgische Regisseur Christophe van Rompaey seine Liebesgeschichte in Szene, die fest im Alltäglichen verankert ist. Der Familienchaos-Film „Neulich in Belgien“.

Martin Schwickert

„Mein Mann steckt in der Midlife-Crisis. Meine große Tochter ist in der Pubertät. Ihre kleine Schwester denkt, sie wäre in der Pubertät und mein jüngster Sohn wird wahrscheinlich nie in die Pubertät kommen.“ Die Familie der 41-jährigen Matty (Barbara Sarafian) befindet sich im hormonellen Ausnahmezustand. Dabei sehnt sich die Postangestellte nur nach der heimischen Ruhe zurück, die sie über Jahrzehnte in der Ehe mit dem sensiblen Zeichenlehrer Werner (Johan Heldenbergh) genossen hat. Aber der vergnügt sich seit ein paar Monaten mit einer 22-jährigen Studentin und seitdem ist Mattys Leben aus dem Lot. Nach vollbrachtem Großeinkauf rammt sie auf dem Parkplatz einen Lastwagen und gerät in ein lautstarkes Wortgefecht mit dem cholerischen Trucker Johnny (Jurgen Delnaet).

Ein paar Tage später steht der König der Landstraße mit einem Werkzeugkasten vor der Tür, um den verbeulten Kofferraum zu reparieren – und überschüttet die verblüffte Unfallteilnehmerin mit Liebesgeständnissen. Aber was soll Matty mit so einem schrägen Proll-Vogel anfangen? Der Kerl ist vierzehn Jahre jünger als sie und – wie sich herausstellt – auch noch vorbestraft. Immerhin lädt sie ihn zum Blutwurstessen ein und lässt sich zu einen sonntäglichen Drink hinreißen. Nach dem anschließenden Schäferstündchen in der Truck-Kabine gerät auch die überforderte Mutter in die hormonelle Schieflage.

Vor der Kulisse des Hochhausviertels Moscou am Stadtrand von Gent setzt der belgische Regisseur Christophe van Rompaey seine Liebesgeschichte in Szene, die fest im Alltäglichen verankert ist. Natürlich gilt auch hier: Je unmöglicher die Liebeskonstellation erscheinen mag, desto sicherer ist ihr Happy End. Aber der emotionale Hindernislauf, den van Rompaey für seine proletarischen Figuren in Gang setzt, ist dank liebevoll-realistischer Charaktere, trockenem Humor, treffsicheren Dialogen und gut dosiertem Sentiment hochgradig unterhaltsam. Besonders Barbara Sarafian besticht als überforderte Mutter, die in schlabberiger Strickjacke kunstvoll am Rande des Nervenzusammenbruches entlangbalanciert und den heranrückenden Liebhaber einer gnadenlosen Qualitätskontrolle unterzieht. Martin Schwickert

Cinemaxx Potsdamer Platz , Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Yorck, Hackesche Höfe (OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar