New Moon : Der feine Vampir

Teil zwei der "Twilight"-Saga: „New Moon“ nach Stephenie Meyer, propagiert Enthaltsamkeit – und bricht Rekorde.

Christina Tilmann
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Nur vorgetäuscht. Vor der finalen Vereinigung mit Bella (Kristen Stewart) schreckt Edward (Robert Pattinson) zurück. Foto:...

Bellas Ungeschicklichkeit ist ein Problem. Beim Geburtstagsfest mal kurz den Finger am Geschenkpapier geritzt – schon erwacht der schönste Vampirblutdurst unter ihren Freunden. Doch Blut und Gefahr, Spannung und Spektakel gibt es in „New Moon – Biss zum Morgengrauen“, dem zweiten Teil der „Twilight“-Saga von Stephenie Meyer, sonst eher wenig. Dafür eine depressiv-brütende Heldin, die bald entdeckt, dass sie ihrem geliebten Vampir Edward nur dann begegnet, wenn sie sich in Lebensgefahr begibt. Wahlweise beim Cliffdiving, Motorrad-Rasen oder in Konfrontation mit einer Horde gewalttätiger Jugendlicher. Da greift der Kavalier dann ein.

Todessehnsucht, Depressionen – das ist ein düsteres Stimmungsbild, passend zum winterlich-nebligen Setting in der amerikanischen Kleinstadt Forks. Nebel ist eigentlich ein wunderbarer Grusel-Generator. Und Vampirfilme scheinen derzeit wieder en vogue zu sein, von Karyn Kusamas Highschool-Schocker „Jennifer’s Body“ über das düstere schwedische Jugenddrama „So finster die Nacht“ bis zu Chan-Wook Parks großartigem Liebesrausch in „Durst“. Ist es die Sehnsucht nach extremen Effekten? Geht, wenn nichts mehr geht, ein Film wenigstens so unter die Haut? Oder ist das Genre, nach einigen Vampir-Booms der Vergangenheit, einfach mal wieder fällig?

Der Stoff von „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“ hingegen ist eher 19. Jahrhundert, in seinem elegischen Grundton, der romantischen Schwärmerei – und der sexuellen Verklemmtheit. Zwar hat Regisseur Chris Weitz die religiösen Untertöne zurückgenommen, die die Mormonin Stephenie Meyer auffährt, aber Blut darf nicht fließen, auch kein Jungfrauenblut. Die Vampire sind längst Vegetarier und flüchten lieber, als dass sie beißen. Zahnloser kamen Monster selten daher.

Pech für die aparte Außenseiterin Bella (Kristen Stewart): Denn eigentlich geht es in „New Moon“ 130 Minuten um ihren Wunsch, endlich auch Vampirin zu werden. Die Sehnsucht nach endgültiger Vereinigung mit dem Geliebten lässt sie betteln: „Küss mich. Beiß mich“ – doch Edward verweigert sich: „Heirate mich erst“. Keine Küsse, keine Bisse vor der Ehe – die Botschaft ist überdeutlich, kein Taliban, kein katholischer Priester hätte sie besser formulieren können. Andererseits ist Scheidung auch weder bei Mormonen noch bei Vampiren vorgesehen.

Solche Prüderie ist nicht jedermanns Fall: „Wenn ich von einer Geschichte höre, in der ein wunderhübsches Mädchen, noch dazu Jungfrau, einen toll aussehenden Vampir kennenlernt, dann steige ich aus“, hat der ebenfalls an einem Vampirfilm arbeitende Regisseur Guillermo del Toro im Tagesspiegel-Interview polemisiert. Weshalb es Diskussionen gibt, dass Stephenie Meyers Romantik-Wälzer keine richtigen Vampirgeschichten seien, sondern eher simpel verpackte Sonntagspredigten zum Thema voreheliche Abstinenz. Die Hysterie rund um die Verfilmung ist trotzdem groß, in den USA, wo der Film schon jetzt Rekorde einspielt (Tsp. vom 24. 11.) und in Deutschland, wo schon 300 000 Tickets vorbestellt sind.

Wer sich ein Wiedersehen mit Teenieschwarm Robert Pattinson erhofft, dessen apart-bleiche Erscheinung weltweit für Ausnahmezustände sorgt, wird allerdings enttäuscht. „New Moon“ ist vor allem die Geschichte seiner Abwesenheit. Ganz Kavalier, will er Bella vor sich beschützen und sucht das Weite, geht ins Liebesexil. Die lebenslustige Bella jedoch findet bald einen Ersatzmann: Jugendfreund Jacob (Taylor Lautner), seinerseits langmähniger Sportler mit rapide erwachender Männlichkeit, wird zum verständnisvollen Tröster, bis er schließlich auch sein dunkles Geheimnis enthüllt. Zuvor jedoch enthüllt er noch mehrfach seine muskulöse Brust.

Den bleichen Kühlen mit dem blutroten Mund oder den gebräunten Bodybuilder mit dem Wolfsgebiss, welcher soll es sein? So viel jungmännliches Testosteron wird nicht nur für Bella zum Problem. Pech auch, dass der Funke, der im ersten Film offensichtlich zwischen den beiden Protagonisten übersprang, in der Konstellation Bella – Jacob einer netten Kumpanei gewichen. Merke: Nicht immer ist eine Dreieckskonstellation die spannungsvollere Variante. Auch nicht, wenn Vampire und Werwölfe im Spiel sind.

Für alle jenseits der Zielgruppe von „Team Edward“ und „Team Jacob“ dürfte „New Moon“ daher eine ziemliche Enttäuschung sein. Hatte Regisseurin Catherine Hardwicke in der Verfilmung von Teil eins immerhin noch eine surreale Atmosphäre geschaffen, die der Liebesgeschichte zwischen Menschenkind und Vampir den richtigen zauberischen Märchenlook gab, setzt Chris Weitz, der schon für Spektakel wie „Der goldene Kompass“ verantwortlich war, diesmal ganz auf Effekte. Auf Werwölfe, die wie übergroße Schäferhunde durch die Wälder streunen, auf blutrote Lippen in kreidebleichen Gesichtern und auf einen Showdown im italienischen Montepulciano, wo rot gekleidete Menschen durch die engen mittelalterlichen Straßen wie zu einer Séance schreiten.

Dass in der dortigen Renaissancekirche San Biagio gedreht werden konnte, ist eine der wenigen Überraschungen dieses ansonsten weitgehend überraschungsfreien Films.

Ab Donnerstag in 21 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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