NS-Zeit im Kino : Das Böse kehrt zurück

„Der Vorleser“, „Defiance“ und „Operation Walküre“: Hollywood findet in der NS-Zeit den Stoff für ein neues Historienkino.

Jan Schulz-Ojala
Böse
Herr und Hund: Willem Dafoe und Jeff Goldblum in "Ein Leben für ein Leben", Paul Schraders Verfilmung von Yoram Kaniuks Roman...Foto: 3 L-Filmverleih

Überraschung! Mitten in „The Spirit“, Frank Millers uramerikanischer Vision eines urbanen Superhelden à la Batman, ertönt die deutsche Nationalhymne. Zwar nur instrumental, aber die erste Strophe drängt sich auf – schließlich prangt auf der Leinwand eine knallrot mit Hakenkreuzfahnen ausgeschlagene Bühne, darauf der Bösewicht Octopus (Samuel L. Jackson) und seine Assistentin (Scarlett Johansson) in schwarzen SS-Uniformen. Der Totenkopf: Akkurat blinkt er auf Johanssons Mütze. Die Runen: Akkurat glänzen sie auf Jacksons Glatze. Nach kurzem Gefecht aber mit Spirit, dem Helden, ist Schluss mit dem Spuk. Ein monströser deutscher Reichsadler, vom Schnürboden herabstürzend, erschlägt Octopus – vorübergehend.

Der Nazi-Mummenschanz als Pointe eines Film Noir im postmodernen Comicformat zeigt zumindest dies: Nichts geht derzeit im Kino offenbar ohne deutsche Fascho-Insignien, ohne Zweiten Weltkrieg, ohne Holocaust. Diese Woche startet „The Spirit“. Auf der Berlinale haben mit „Der Vorleser“, „Ein Leben für ein Leben“ und „John Rabe“ gleich drei bemerkenswerte Beiträge zum Thema Premiere. Anfang März geht Daniel Craig ausnahmsweise nicht als Bond, sondern als jüdischer Widerständler in Weißrussland an den Start („Defiance“). Und Quentin Tarantino will seine „Inglorious Basterds“, in denen ein Pariser Kino zum Schauplatz eines Massakers an SS-Größen wird, spätestens bis Cannes fertig haben. Ganz zu schweigen von Tom Cruise, der neuerdings als Stauffenberg in „Operation Walküre“ sein höheres Wesen treibt. Das historisch verbürgte Grauen hat Konjunktur, im Gewande des Historienfilms, des nachsorgenden Psycho- beziehungsweise Schizodrams, des Trash.

Merkwürdig dabei: Je konkreter die Vergangenheit formal daherkommt, je materialreicher und detailhuberischer sie re-inszeniert wird, desto flacher und ferner bleibt ihre Wirkung. Schon in „The Spirit“, der den Nazi-Kostümfundus für eine Art Fetisch-Party plündert, ist das erhellend zu beobachten. Natürlich nur zum Scherz – und Frank Miller bekennt denn auch gleich, die Nazis hätten damals in ihren schneidigen Uniformen einfach besser ausgesehen als etwa Stalins lumpige Kommunisten. Womit er entspannt auf eines der ikonografischen Stilprinzipien nicht nur der Comicverfilmung verweist: Der Look ist alles. Nur: Wo der Look alles ist, ist alles andere nichts.

Dort allerdings, wo ausdrücklich Inhalte vermittelt werden sollen, wären solche Bekenntnisse fatal. Denn so fände sich, ein wenig perfiden Willen vorausgesetzt, selbst ein augenscheinlich tiefernstes Werk wie „Operation Walküre“ schnell in der Nachbarschaft der grellen – oder auch düsteren – Comics wieder. Schließlich setzten auch Tom Cruise und Bryan Singer, indem sie bis in die Eroberung von Originalschauplätzen die Aura der Vergangenheit zumindest als Dekor erhaschen, vor allem auf den Look – und reduzieren das Geschehen zudem auf einen eindimensionalen good guy, der es dem schlimmsten Octopus der Geschichte richtig zu zeigen sucht.

Nur regt der Nazi-Look allein, nach 60 Jahren medialer und (film-)künstlerischer Vergangenheitsvergegenwärtigung, kaum mehr auf. Und rührt, mehr noch, kaum mehr an. Längst hat sich – zumindest im erwachsenen Kino – auch das Bild des totalen Guthelden verbraucht, dem erst der totale Schurke die Legitimation für sein Handeln gibt. Wenn denn noch ein Nachsatz zu „Operation Walküre“ gestattet ist: Nur der aus der verbürgten Biografie gewonnene ambivalente Stauffenberg, der eine schmerzhafte Erkenntnis auch gegen die eigene Geschichte bis ins Ziel führt, wäre eine zeitgemäße Identifikationsfigur gewesen.

Was also treibt Filmproduzenten und Regisseure in Massen zu jener düsteren Epoche des 20. Jahrhunderts, an die sich bald nur noch die Urgroßelterngeneration erinnert? Genau jene beruhigende Ferne historisch abgelegter Konflikte ist es, die sie verführt, meinte unlängst der britische „Independent“; und außerdem die Sehnsucht einer global verwirrten Menschheit, wenigstens im Kino mutige Helden auf moralischer Mission zu sehen. Mag ja sein, dass unsere weltanschaulichen Gut-Böse-Schemata angesichts von Börsengangstern und Guantánamo, von Abu Ghraib und steinreichen Selbstmördern durcheinandergeraten sind. Nur wird die Filmindustrie den hundertprozentig lauteren Helden mit altmodischen Geschichtsrecyclings ebenso wenig neu erschaffen können wie die Wirklichkeit mit ihrer aktuellen Hoffnung auf Barack Obama. Selbst Charaktere mit den besten Absichten sind gemischte Charaktere. Und nur so faszinieren sie nachhaltig, auch im Kino.

Hinzu kommt: Jene zeitlich entlegenen Ereignisse, wenn sie denn ins kinematografische Visier genommen werden, wirken heutzutage wie Steine, die man in einen Teich wirft. Sie verschwinden schon in dem Augenblick, wo man ihnen hinterherzufilmen versucht. So mag es auch den Machern von „Defiance“ ergangen sein, die eine wenig bekannte Episode aus dem Zweiten Weltkrieg ins Bild setzen: das Überleben von Hunderten von Juden in den weißrussischen Wäldern, angeführt von dem Brüderpaar Tuvia und Zus Bielski, die schließlich einen Partisanenkrieg gegen die deutsche Wehrmacht führen. Doch Edward Zwicks Film erschöpft sich bald im Eifer des Arrangements, und die Geschichte selber zerbröselt unter Heldenposen, Gesten und Sprüchen. Um im Bild zu bleiben: Nicht der Stein, der das Wasser erschüttert, erschüttert heute noch. Es sind die Kreise, die er zieht. Je ferner von der historischen Ursache, desto größer.

Vieles spricht dafür, dass in diesem Zusammenhang auf der Berlinale vor allem Stephen Daldrys „Der Vorleser“ Furore machen wird. Der Film mit der oscarnominierten Kate Winslet in der Hauptrolle nähert sich dem Holocaust aus räumlicher und generationsmäßiger Distanz: aus der Perspektive des „Jungchens“ (David Kross), der erst als Mann erfährt, dass seine deutlich ältere erste Liebe eine KZ-Aufseherin war. Seine unschuldige Biografie wird durch diesen nachgetragenen Schock in den Strudel anderweitiger Schuld und Scham hineingezogen und lebenslang überschattet. Er, der Nachgeborene, ist es, der durch sein Verhalten den nachgeborenen Zuschauer zu einer eigenen Haltung herausfordert.

Nur aus der Peripherie, so scheint es, ist heute noch der flackernde Herzschlag jener Zeit zu fühlen, die – solange keine schrecklichere sie ersetzt – das Kino immer wieder umtreibt, von den zahllosen vergangenheitsbewältigenden Heldenkriegsfilmen der fünfziger und sechziger Jahre bis zur bildnerischen Enttabuisierung des Holocaust für die Spielfilme der Neunziger, in „Schindlers Liste“ oder „Das Leben ist schön“. Klug verzichtet „Der Vorleser“ – ganz im Sinne seines Romanautors Bernhard Schlink – darauf, das im Prozess gegen die Aufseherin verhandelte Geschehen in Rückblenden zu visualisieren. Das Vorstellungsvermögen des Zuschauers füllt die Lücke mühelos aus. Und erst am Schluss erlaubt der Film sich ein kleines, aber überdeutliches Arrangement, das seinem eigenen Konzept fast zuwiderläuft.

Reichlich Rückblenden dagegen verwendet Paul Schrader in „Ein Leben für ein Leben“ (Adam Ressurrected), und sie führen nicht nur ins Variété-Berlin der frühen dreißiger Jahre, sondern auch ins KZ. Der Film verpasst seinem in fast jeder Szene agierenden traurigkomischen Zauberkünstler – nach Yoram Kaniuks Roman „Adam Hundesohn“ – damit eine visuelle Überdefiniertheit, der Hauptdarsteller Jeff Goldblum als Emotionsträger kaum entkommt. Denn das eigentliche Geschehen führt in eine Klinik in der Negev-Wüste, in der traumatisierte KZ-Entronnene einander eine verwirrte Familie sind. Nur müssen sich die dortigen, selbst ziemlich surrealen Ereignisse immer wieder gegen die Unfassbarkeit des historischen Wahnsinns behaupten. So betäubt der Film im Bedürfnis, alles zu sagen und zu zeigen, bald auch den gewogensten Zuschauer.

Die Echoräume jener Horrorzeit sind es, in denen wir uns nach wie vor bewegen, so ewigfern sie den Jüngeren längst erscheinen mag – fern wie der Sieben- oder der Dreißigjährige Krieg oder vielleicht auch schon Troja. Das Kino tut gut daran, jene gebrochene Perspektive in seine Stoffe zu integrieren und nicht jedem rekonstruierbaren Bild hinterherzujagen. Denn im Zweifel zeigt es damit: nichts. Oder um es mit Bernhard Schlink zu sagen, gerichtet an die Filmemacher und an das Publikum: „Das Authentische wird überhaupt erst lebendig, wenn wir mit unserer Fantasie herangehen.“

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