Oscar-Analyse : Laue Zeremonie, leuchtender Sieger

Die 83. Oscar-Verleihung hatte stellenweise den Charme einer Rheumadecken-Verkaufsveranstaltung. Aber in ihren Preisen – und dem Sieg für "The King's Speech" - bewies die Academy eine sichere Hand.

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Bester Film: "The King's Speech", hier im Bild: Regisseur Tom Hooper (rechts) und Produzent Iain Canning bei der 83. Verleihung der Academy Awards in Los Angeles.Weitere Bilder anzeigen
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28.02.2011 07:38Bester Film: "The King's Speech", hier im Bild: Regisseur Tom Hooper (rechts) und Produzent Iain Canning bei der 83. Verleihung...

Und was, wenn der als bester Film des Jahres ausgezeichnete Film schlicht der beste Film des Jahres war? Mit nur vier Oscars, diese allerdings in den wichtigsten Kategorien, hat „The King’s Speech“ seine wenigen ernsthaften Rivalen bei den 83. Academy Awards locker ausgestochen. Christopher Nolans rasantes Traum-im-Traumim-Traum-Gebilde namens „Inception“ krankt über weite Strecken daran, dass seine Schauspieler sich ständig salbadernd vergewissern müssen, in welcher Traumebene sie sich gerade befinden. Und David Finchers „The Social Network“ hat zwar einen höchst zeitgemäßen Plot, aber in den breiten GerichtsdramaSzenen tritt der Film denn doch lautstark auf der Stelle. Was nicht heißt, dass die auf Harmonie bedachte Academy nicht großzügig über derlei Mängel hinweggesehen hätte: Beide Filme zeichnete sie reichlich aus, aber eben nicht gerade für Schauspiel, Drehbuch oder Regie.

Tatsächlich ist „The King’s Speech“ des bislang völlig unbekannten Tom Hooper eine Meisterleistung an Kohärenz. Manche schelten die Geschichte um den stotternden Royal, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in die Königsrolle hineinbugsiert wird, öffentliches Redenmüssen inbegriffen, als altmodisch. Dabei ist das menschliche Drama, das sich da dynamisch entfaltet, schlicht zeitlos. Andere nennen den Film rührselig – und übersehen, mit welch britischer Coolness und mit wie viel Humor er ein persönliches Dilemma in den großen Zusammenhang stellt. Das ist oft keineswegs erbaulich oder gar harmoniesüchtig. Aber von Anfang bis Ende stark.

Richtig gutes Kino also hat im Kodak Theatre in Los Angeles triumphiert, das ist erstmal eine schöne Nachricht. Dass der Oscar-Segen überdies einen Film trifft, der nach vorsichtigem US-Start im November noch mitten in der vitalen Kassenphase steckt, gehört zu den freundlichen Dreingaben der knapp 6000 Mitglieder der Academy. Immer schauen sie auch darauf, wem der Oscar-Schub noch ökonomisch gut tut. „Inception“ und „The Social Network“ sind mit großem Erfolg bereits abgespielt. Längst auf der Dollar-Sonnenseite schwimmt der grellbuntlaute „Black Swan“, und mit dem Preis für Natalie Portman, typisch Oscar für eine weibliche Tour de Force, kriegt er sein Zuckerl obendrauf. Und sollte jemand darüber weinen, dass der zehnmal nominierte „True Grit“ leer ausging – nun, der Film ist ein Welterfolg, und Jeff Bridges sitzt mit seinem Oscar vom Vorjahr ohnehin prächtig im Sattel. Nebenbei: Der Western der Coen-Brüder ist, auch wenn seine Schöpfer davon lässig abzulenken trachten, keine Neuerfindung wie der zwölfmal nominierte Sieger, sondern ein bloßes Remake.

Auch das geheime Leitmotiv, das die nominierten Filme eint, verkörpert „The King’s Speech“ am überzeugendsten. Die uramerikanische Mär vom Aufstieg aus dem Nichts gegen äußere Widrigkeiten zum Erfolg, die Moral vom Sich-Durchbeißen, exemplifiziert dieses zutiefst britische Kunststück als Kampf eines Mannes mit sich selbst. Das ist, als aufregendes Herz- und Schädelkammerspiel, strukturell moderner als all die Kämpferstorys vom Boxer-„Fighter“ über Mark Zuckerbergs Facebook-Sieg bis zum Bergsteiger, der sich in „127 Hours“ zwecks Überlebens gar den Arm absäbeln muss. Und es erzählt mehr über die menschliche Psyche als die tapfere Ballerina in „Black Swan“, die vor allem über die eigene Mama obsiegt, mehr auch als die Vater-Rächerinnen und Vater-Sucherinnen in „True Grit“ und „Winter’s Bone“.

Ob ein eminent oder latent politischer Film wie zuletzt das Irakkriegsdrama „The Hurt Locker“ oder zuvor „Slumdog Millionär“ einen Konkurrenten wie den aktuellen Oscar-Sieger ausgeknipst hätte? Vielleicht. Allein, er fehlte – und das passt nach all den wilden Konjunkturentscheidungen auch zu einem Amerika, das sich derzeit gern auf sich selbst besinnt.

„The Social Network“, mitunter als das moderne Gegenstück zu „The King’s Speech“ angeführt, ist thematisch jung, erzählt aber sein Heldenstück besonders klassisch. Politisch wird Facebook erst durch seine Nutzer, die seine kommunikative Virulenz nach den Flashmobs auch für Revolten und Revolutionen entdeckt haben. Aber die Leute, die derzeit nicht nur in Libyen Mut und Wut gegen die Diktatur vernetzen, sind nichts für die Oscars, sondern etwas für den Friedensnobelpreis, der besser Freiheitsnobelpreis heißen sollte.

Politisch gerierte sich diese Oscar-Zeremonie, sonst oft Anlass für flammende Deklamationen, nur ein einziges Mal – als Charles Ferguson, Regisseur des Dokumentarfilms „Inside Job“, seine Dankesrede mit dem Hinweis verband, keiner der großen Betrüger in der Finanzkrise sitze heute im Gefängnis: „This is wrong.“ Aber auch das sagte er artig, mit vorauseilender Entschuldigung für die tagesaktuelle Intervention.

Nein, diese Zeremonie, die 83. in der Geschichte der Academy, sollte durch nichts behelligt werden. Weder durch Politik noch durch Polemik. Und erst recht nicht durch Humor. Einzige nachhaltige Ausnahme war Billy Crystal: In der späten Mitte der schwer durchhängenden Veranstaltung kündigte er zum verschreckten Entzücken des Publikums flugs den Oscar für den besten Film an.

Spätestens der Kurzauftritt des in vergangenen Jahren so spritzig-bissigen Oscar-Moderators machte das Debakel um das aktuelle Duo James Franco und Anne Hathaway vollkommen. Franco zog sich bald auf seine Rolle als grinsendes GucciModel zurück, Hathaway war über das Glück, in wechselnden Roben vor einem Welt-TV-Publikum paradieren zu können, zusehends aus dem Häuschen. So geriet das Paar, das anfangs zuverlässig durchaus zum Rheumadeckenkauf hätte animinieren können, bald nervtötend außer Kontrolle. Ansonsten: grasender Stillstand. Und bei den Dankesreden family values bis über die Rausschmeißer-Musik hinaus, Grüße an Urgroßmütter und ungeborene Enkel eingeschlossen.

Ja, es war eine langweilige, sogar staubige Zeremonie. Und am Ende fast von der Langeweile infiziert: der Sieg des Favoriten. Nur der Film selber, er lebt, und wie, in ausgesucht blassen Farben.

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