Oscar-Nominierungen : Wenn zwei sich streiten, lauert der dritte

Freude für die Deutschen, Spannung im Rest der Welt: Die Oscar-Jagd geht in die heiße Phase. Am Dienstag wurden die Nominierungen bekannt gegeben.

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Abflug. Szene aus "The Hurt Locker". -Foto: rtr

Vorneweg die guten Nachrichten für den deutschen sowie deutschsprachigen Filmkulturkreis: „Das weiße Band“ des Österreichers Michael Haneke, produziert überwiegend mit dem Geld der Berliner Firma X-Filme, geht für Deutschland ins Rennen um den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film – und ist auch für die Kameraarbeit von Christian Berger nominiert. Dort trifft er auf die beiden vom World Cinema Fund der Berlinale mitfinanzierten Konkurrenten „Eine Perle Ewigkeit“ – der peruanische Film gewann 2009 den Goldenen Bären – sowie „Ajami“ aus Israel. Außerdem in dieser Disziplin im Rennen: „El secreto de sus ojos“ (Argentinien) und „Un prophète“ (Frankreich). Schließlich ist der polyglotte Österreicher Christoph Waltz, vor zweieinhalb Wochen bereits wie Hanekes „Weißes Band“ mit Golden-Globe-Lorbeeren bekränzt, für seinen Auftritt in „Inglourious Basterds“ erdrückender Favorit in der Runde der nominierten Nebendarsteller.

Die Welt allerdings dürfte bis zum 7. März, wenn die Oscars in Los Angeles vergeben werden, einem im Kino seltenen Kampf zwischen David und Goliath entgegenfiebern. Mit je neun Nominierungen treten James Camerons bahnbrechendes 3-D-Spektakel „Avatar“ und „The Hurt Locker“, der nervenzerfetzend spannende Irakfilm seiner Ex-Ehefrau Kathryn Bigelow, gegeneinander an – und stehen damit an der Spitze einer neu eingeführten Zehnergruppe von Titeln, die sich um die Königsprämie „Bester Film“ balgen. Ihre ernsthaftesten Konkurrenten: Quentin Tarantinos kathartisches Nazi–Killerspektakel „Inglourious Basterds“ (acht Nominierungen) sowie Jason Reitmans morgen in den Kinos anlaufende, rasante Komödie „Up in the Air“ und „Precious“, Lee Daniels’ Drama um eine übergewichtige, vom Vater missbrauchte, schwarze, HIV-positive Analphabetin (je sechs Nominierungen). Die fünf weiteren Filme auf der am Dienstag in Los Angeles verkündeten Liste – siehe Kasten rechts – haben allenfalls krasse Außenseiterchancen.

Mit den numerischen Favoriten „Avatar“ und „The Hurt Locker“ stehen zudem zwei konträre Konzepte des Kinos zur Wahl. Hier der technisch fabelhaft innovative Blockbuster, der soeben locker den Weltrekord von zwei Milliarden Dollar Einspielsumme nahm und bis zu den Oscars nur wenig an Kraft verlieren dürfte. Dort das politisch hoch engagierte Kino um einen durchgeknallt wagemutigen und schillernd heldenhaften Bombenentschärfer im Irakkrieg – nur hat der Film mit dem inzwischen dünn angestaubten Thema in den USA magere zwölf Millionen Dollar eingespielt. In Deutschland wollten ihn nicht mehr als 55 000 Zuschauer sehen.

Sicher, die Berufsvereinigung der US-Regisseure (DGA) hat vergangenen Sonntag Kathryn Bigelow für ihren Film ausgezeichnet – und damit erstmals in ihrer Geschichte eine Regisseurin. Zudem gilt das DGA-Votum seit jeher als nahezu perfekter Gradmesser für die Oscars, schließlich ging die Oscar-Haupttrophäe in 60 Jahren nur sechsmal anderswohin. Dennoch könnte es für Bigelow am Ende nur zum Trost-Oscar für die beste Regie reichen. Zu massiv wird derzeit weltweit Camerons Film diskutiert, zu sehr auch will die Oscar-Academy zurück zum großen Publikumskino und den guten Einschaltquoten. Und die politischen Debatten um „Avatar“ sind auch nicht ohne. In China wird der Film um böse Menschen, die das Paradies des guten Na’vi–Naturvolks zerstören, als Metapher auf die heimischen Kahlschlagsanierer gedeutet. Amerikas Rechtsaußen-Republikaner laufen gegen das ihrer Auffassung nach antimilitaristische Weltbild Sturm.

Da könnte es schon sein, dass Quentin Tarantinos wilder „Tötet Adolf Hitler und die ganze Bande“-Streich am Ende als lachender Dritter dasteht. Seine amerikanischen Basterds in Uniform fackeln bei der Naziskalp-Jagd nicht lange, woran gerade härtere Marines ihre Freude haben dürften, und seine packende Neuerfindung der Geschichte ist mindestens so radikal wie Camerons Erfindung der Zukunft auf dem Planeten Pandora. Gegen einen tollen Überraschungssieg Tarantinos spricht da eigentlich nur eines: dass Cameron mal eben auch das Kino neu erfunden hat.

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