Phil Collins : Vorsicht, Kamera!

Der britische Künstler Phil Collins lockt seine Darsteller in die Falle – und installiert ein Autokino in der Temporären Kunsthalle

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Rauchen, Reden, Filmegucken. In Phil Collins’ „Auto-Kino!“ in der Temporären Kunsthalle ist fast alles erlaubt. Foto: DavidsDAVIDS/Zinken

Eben noch hat er seinen Mitarbeitern, die gerade den schwarzen Vorhangs anbringen, Instruktionen gegeben. Die hellen Flecken ganz oben gefallen dem britischen Künstler nicht und müssen noch einmal übermalt werden, auch wenn sie nach der Abdunklung der zum Kino umgewandelten Kunsthalle nicht mehr zu sehen sind. Phil Collins ist eben Perfektionist. Schließlich handelt es sich nicht um irgendeinen Kinosaal, sondern um eine Installation.

Jetzt sinkt Collins in die kunstledernen Autopolster in einem der 15 Wagen seines Autokinos und sieht sich durch die Frontscheibe einen Film an; der Sound kommt aus dem Radio. Wow, es funktioniert. Und als wär’s der schöne Einfall einer höheren Regie, läuft gerade jene Szene aus Christoph Doerings Film „3302“ von 1979, in der die Kamera ebenfalls durch die Frontscheibe eines Autos gerichtet ist. Die perfekte Verdoppelung: Zwei Mal geht der Blick über die Scheibenwischer hinweg nach vorn. Irgendwann im Lauf des knapp viertelstündigen Films kommt die Berliner Mauer ins Bild. Ben Becker, damals ein Knirps, streckt die Zunge raus und zeigt den Stinkefinger. Phil Collins ist begeistert.

Den ganzen Tag hat der Künstler mit seinen Helfern Autos vom Gebrauchtwagenhändler an der Köpenicker Straße in die Kunsthalle chauffiert und jeden Wagen so ausgerichtet, dass die Zuschauer eine optimale Sicht auf die Leinwand haben. Dem gingen Monate der Sichtung voraus: Für die Ausstellung „AutoKino!“ zeigt Collins ein wechselndes Programm mit über hundert Filmen der dreißiger Jahre bis in die Gegenwart, Ufa-Melodramen, westdeutsche Thriller, Defa-Trümmerfilme bis hin zu aktuellen Künstlerproduktionen.

Jetzt will er nur noch raus und Kaffee trinken. „Tschüs“ und „Schönen Abend!“ ruft der Brite mit den rötlichen Haaren den Mitarbeitern im Bookshop akzentfrei zu. Als im Herbst sein Daad-Stipendium endete, hatte sich Collins wie so viele internationale Künstler entschlossen, in Berlin zu bleiben. Die Sprache bringt er sich mittels Hörkassetten bei. Um Berlin besser kennenzulernen, versucht er jeden Tag etwas Neues zu entdecken.

Deshalb geht es jetzt zum Café M, dem ehemaligen Mitropa, in der Schöneberger Goltzstraße. Ilona Bartsch hat dort 1980 Szenen ihres Films „Flug durch die Nacht“ gedreht. Während der Berlinale wird ihre zauberhafte Hommage an West-Berlin und das Kino täglich um 16 Uhr in der Kunsthalle vorgeführt.

Im Café hat sich fast nichts geändert in den letzten 30 Jahren. Collins ist entzückt: Der Tresen sieht aus wie im Film, ebenso der mosaizierte Bodenbelag, sogar die Kundschaft scheint aus der Vorwendezeit zu stammen. Nur die Jukebox steht nicht mehr an der Wand. Rauchen ist ebenfalls erlaubt. Das gibt es ja durchaus noch in Berlin: Einer der Gründe, wie der passionierte Raucher erklärt, aus Glasgow an die Spree zu ziehen. Rauchen, das sei der Anfang allen Aufbegehrens, der Jugendrevolte. Wer raucht, schafft sich einen eigenen Raum in der Öffentlichkeit, so Collins.

Eigentlich müsste der Enddreißiger die Phase der Renitenz ja hinter sich haben. Gerade jetzt, wo sich der Erfolg eingestellt hat. Vor vier Jahren gehörte Collins zu den Nominierten für den Turner-Preis. Gegenwärtig gibt es in Berlin zwei Ausstellungen von ihm, die das Kunst- und das Berlinale-Publikum anpeilen. Sowohl „Auto-Kino!“ als auch die Daad-Präsentation sind Außenposten der Reihe „Forum Expanded“.

Der Satz über das Rauchen ist dennoch bezeichnend für Collins. Zu den wiederkehrenden Themen des Filmkünstlers gehören die Abgrenzung von öffentlichem und privatem Raum, die unterschiedlichen Erwartungen und Manipulationen durch die Medien. In den letzten Jahren ist Collins an Orte gegangen, an denen Fragen der Selbstdefinition, der Identität eine politische Dimension bekamen. So war er in Bagdad, Belgrad, Bogotá und Ramallah unterwegs. Berühmtheit erlangte der Künstler 2006 in England mit seinem in der Tate-Gallery eingerichteten Filmstudio, in dem einstige Teilnehmer von TV-Realityshows sich über den Missbrauch ihres Leids im Fernsehen erneut vor der Kamera äußern konnten. In „Return of the Real“ tappten sie zum zweiten Mal in die Falle.

Zynisch hat man Collins deshalb genannt, doch der Künstler zuckt mit den Schultern. Er sei kein Heiliger. Umso mehr stieß sein achtstündiger Disco-Marathon mit Jugendlichen aus der Westbank auf Zustimmung, die so gar nicht den Steine werfenden Kids aus den Nachrichten ähneln, ebenso seine Karaoke-Show mit Hits der „Smiths“ in Südamerika.

Natürlich führt der Künstler seine Hauptdarsteller vor, wenn er im Kosovo Politiker, Intellektuelle und Durchschnittsbürger auf Serbokroatisch erklären lässt, warum sie diese Sprache normalerweise nicht sprechen. Und doch steht er auf der Seite der Kosovaren – oder auch der Mutter, die sich von Super-Nanny öffentlich die Leviten lesen ließ. Wie sehr Collins das Fernsehen und seine Verführungskräfte liebt, beweist seine nun in der Daad-Galerie gezeigte Soap-Opera „Soy mi madre“ (Ich bin meine Mutter), die er 2008 in Mexiko Stadt mit dortigen Telenovela-Stars produziert hat.

In Berlin bereitet der britische Künstler gerade sein nächstes Projekt vor. Mit ehemaligen Marxismuslehrern des Ostblocks will er für vier Wochen nach Manchester gehen, damit sie dort, wo Marx und Engels das Anschauungsmaterial für ihre Theorien fanden, noch einmal Unterricht erteilen. Der Konflikt mit den anderen Lehrern, Schülern, Eltern ist vorprogrammiert. Phil Collins wird das Drama mit der Kamera begleiten. Fehlen nur noch die Kandidaten, die sich ihres alten Lehrstoffs erinnern mögen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall müsste die Zeit reif dafür sein, meint der Künstler. Zumindest einen Probanden hat er schon gefunden, aus Chemnitz, ehemals Karl-Marx-Stadt.

Temporäre Kunsthalle, bis 14. März; Daad-Galerie, bis 20. März. Marxismus-Lehrer, können sich an info@shadylaneproductions-co.uk wenden.

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