Poesiefilm : Istanbul hören, die Augen geschlossen

Das 4. ZEBRA Poetry Film Festival in Berlin sucht nach gelungenen Synthesen von Gedicht und Film.

Armin Leidinger

Am Anfang des neuen Jahrtausends erfand die Berliner Literaturwerkstatt eine neue ästhetische Gattung: den „Poesiefilm“. Und widmete ihm ein eigenes Festival. Zum vierten Mal nun sucht das ZEBRA Poetry Film Festival – diesmal im Babylon Mitte – vier Tage lang nach einer gelungenen Synthese von Gedicht und Film. 900 Filme, 30 Prozent mehr als beim letzten Mal, haben sich für den Wettbewerb beworben, Künstler aus 53 Nationen ihre Arbeiten eingereicht. 30 Filme haben es schließlich in den Wettbewerb geschafft, weitere 150 ins Rahmenprogramm. Bei einer derartigen Resonanz wäre es an der Zeit, zu klären, was ein Poesiefilm eigentlich ist und worin seine Qualitäten bestehen.

Doch schon beim ersten Klärungs-Versuch tun sich Abgründe auf. „Wir haben alle Filme aufgenommen, die ein Gedicht im Film enthalten“, erläutert Ulrike Draesner aus der Programmkommission. Jeder Film, in dem ein Gedicht rezitiert oder als Text eingeblendet wird, ist ein Poesiefilm. Wobei man jedoch bei einigen Filmen des Festivals darüber streiten kann, wo die Lyrik endet und der Prosatext beginnt. Im besten Fall tendiert ein Poesiefilm zur konkreten Poesie, wie zum Beispiel der Siegerfilm von 2006 „One Person/Lucy“ (zu sehen unter www.literaturwerkstatt.org). Im schlechtesten Fall wird – wie im Wettbewerbsfilm „The Dead“ – ein interessantes Gedicht durch die Strichmännchenästhetik des zugehörigen Videos verhunzt.

Einer der besten Filme des Jahrgangs ist Dikran Janus Kadagians „Standard Oil Co.“, der auch auf YouTube zu finden ist. Er basiert auf Pablo Nerudas gleichnamigem Gedicht von 1940, ein poetisches Klagelied über die Auswirkungen von Macht und Geldgier. Das 1863 von John D. Rockefeller gegründete Erdöl-Raffinerie-Unternehmen „Standard Oil“ steht beispielhaft dafür, wie Naturschätze in die Maschinerie von Macht und Gewalt geraten, sobald jemand behauptet, diese zu besitzen. Nerudas Gedicht lässt an den Irakkrieg denken, mit Kadagians Bildern wird es zu einer expliziten Kritik an der amerikanischen Außenpolitik. „Standard Oil Co.“ demonstriert, was man von einem guten Poesiefilm erwarten muss: dass Bild, Schnitt und Ton eine eigene Sinnebene bilden und das Gedicht filmisch kommentieren.

Dafür braucht man aber erstmal ein ernstzunehmendes Gedicht. Genau daran mangelt es oft. Nicht nur, dass die Texte lediglich ganz am Rande in einer Mappe im Foyer ausgelegt sind und englische Gedichte nicht untertitelt werden. In zu vielen Filmen spielen das Gedicht eine marginale Rolle. Die Grenzen zum Experimentalfilm und zum Musikvideo sind fließend. Ganz ohne Frage: Das ZEBRA Poetry Film Festival beschäftigt sich mit Film – Literatur ist eine Randerscheinung. Und so ist es kein Zufall, dass Hubert Sielecks „Ungleiche Brüder“ – einer der ganz wenigen Beiträge, in dem ein Gedicht mit erkennbarem Metrum und Reimschema vorkommt – außerhalb des Wettbewerbs im Festival-Block „Die deutschsprachige Welt“ lief.

Der Wettbewerb selbst bleibt blass. Zwar gibt es nette Filme wie zum Beispiel „The Needful Head“, in dem ein Mann versucht, sich von seinem Unsinn labernden Kopf zu trennen. Allerdings ist das Video fraglos ein Animationsfilm. Frank Schneiders „Zeit“ nennt im Vorspann die Gattung, die für die Hälfte der Filme treffend ist: es ist ein Kurzfilm.

Welche Möglichkeiten in der Gattung des Poesiefilms stecken, beweist Aljoscha Hofmanns Film „Gehsteige“ aus der Programmreihe „Stadtgeflüster“. Hofmann nähert sich der Stadt Istanbul über die Gedichte Orhan Velis. Vor Ort hat er Menschen gesucht, die Textzeilen Velis rezitieren. Kioskbesitzer, Händler, eine Bibliothekarin, ein Pantomime. Und legt dem Betrachter so die Stadt Istanbul und einen hierzulande noch unbekannten Dichter ans Herz: „Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen“. Das alles kann ein Poesiefilm. Man müsste die Gattung nur wirklich Ernst nehmen. Armin Leidinger

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