Porträt : Clown, Berserker, Denker

"Zizek!" führt den Zuschauer mitten hinein in die Denkmaschine des slowenischen Philosophen.

Dennis Bertrams

Huch. Schluck. Der voyeuristische Kamerablick zeigt den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek im Bett. Mit entblößtem, sehr haarigem Oberkörper. Da muss der Zuschauer jetzt durch. Und mitten hinein in Zizeks Denkmaschine, die gar nicht anders kann, als rasant endlose assoziative Verkettungen auszuspucken. Ein amüsantes work in progress – zumal Zizek sich seinem Gegenstand, der Philosophie, gegenüber nicht sonderlich zuvorkommend verhält, obwohl er sich gerade mit ihr, nun ja, im Bett befindet. Den Mythos ihres absoluten Wahrheitsanspruchs nimmt er – wie immer mit Sinn fürs beißende Aperçu – auseinander, mit postmoderner Respektlosigkeit gegenüber den sogenannten großen Themen.

Schön respektlos auch die Sequenz, in der Zizek sich eine Sendung des französischen Bildungsfernsehens aus dem Jahre 1974 anschaut: Jacques Lacan – Zizeks ständiger Bezugspunkt – doziert über das An-sich der Philosophie, aber man kriegt es kaum mit. Denn Zizek erregt sich belustigt darüber, wie sein Meister sich vor der Kamera geriert, mit welcher Gewichtigkeit der Gesten und Pausen er genau den Mythos von der Erhabenheit der Philosophie festigt, den er eigentlich dekonstruieren will.

Nicht nur hier reflektiert Astra Taylors Porträt des Philosophen auch die eigenen Bedingungen des Filmemachens. Der Zuschauer sieht auf der Leinwand Zizek, wie der auf dem Bildschirm Lacan zusieht und sich dabei über Rollen ergeht. Und der Film stellt implizit die Frage, wie man schwierige philosophische Diskurse angemessen umsetzen kann, wenn das Thema sich ausschließlich auf die eine aberwitzig-illustre Person Zizek als Objekt der Betrachtung konzentriert.

Immerhin, einmal spricht Zizek selbst – während eines Vortrages in Boston – kritisch sein clowneskes Image an, das die Medien immer weiter kolportieren. Ob man ihn bewusst immer wieder so darstelle, um die relevanten Inhalte zu verdecken? Das reduziere doch bloß seine Wirkungsmacht im öffentlichen Diskurs. Doch auch „Zizek!“ ist vor diesem Wahrnehmungsmuster nicht gefeit: Zizek wirkt darin wie ein verschwitzter, geschwätziger intellektueller Berserker – und es fehlt nicht an charmanten, auch witzigen Episoden. Andererseits gelingt nebenbei eine durchaus konzise Einführung in Zizeks Welt: die Verknüpfung von postmarxistischer Ideologie- und Kapitalismuskritik mit Lacan’schen Theoremen. Dennis Bertrams

Central und Eiszeit (jeweils OmU)

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