Porträt : Jochen Freydank: Hindernislauf zum Oscar

An Filmhochschulen hatte man ihn abgelehnt, auf deutschen Festivals wollte man sein Werk nicht sehen. Doch jetzt hat der Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank für seinen Holocaust-Kurzfilm "Spielzeugland" einen Oscar gewonnen. Porträt eines Siegers.

Andreas Conrad
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Jochen Alexander Freydank am Set von "Spielzeugland".Foto: promo

Bei den Berliner Eisenbahnfreunden hätten sie gestern wohl am liebsten jubelnd ihre alte Dampflok tuten lassen. Auch im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in der Pankower Görschstraße ebenso wie im Rathaus Neukölln an der Karl-MarxStraße wird die Preisverleihung in Hollywood Tagesgespräch gewesen sein. Und Sohar Sandler, auf Oldtimer spezialisierter Werkstattbesitzer in der Düsseldorfer Straße in Wilmersdorf, bedauerte es doch sehr, wegen der Automesse am Funkturm die Oscar-Zeremonie im Kodak Theatre von Los Angeles im Fernsehen versäumt zu haben.

Sie alle waren an dem Erfolg für Regisseur Jochen Alexander Freydank und seinen Kurzfilm „Spielzeugland“ beteiligt. Die Eisenbahnfreunde mit ihrem historischen, auf dem Basdorfer Vereinsgelände stehenden Zug – Kulisse für eine Szene, in der Berliner Juden deportiert werden. Die Schule und das Rathaus als weitere Drehorte, und Sandler stellte seinen alten Ford-Lastwagen von 1938 zu Verfügung und fuhr ihn auch. Der einst im Kölner Werk gebaute Lkw wurde ebenfalls in einer Deportationsszene genutzt.

Für viele in Berlin war der Kurzfilm-Oscar ein Grund zum Jubeln, besonders aber natürlich für den Regisseur, der zur Preisverleihung seine Hauptdarstellerin Julia Jäger mitgenommen hatte, andere Mitglieder des Teams wie Kameramann Christoph „Cico“ Nicolaisen und Drehbuch-Coautor Johann A. Bunners waren ebenfalls mitgereist und verfolgten die Gala aus der Nähe. Die Mitglieder von Freydanks Produktionsfirma Mephisto Film aus der Hufelandstraße in Prenzlauer Berg hatten sich dagegen zur Live-Übertragung im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz versammelt, dort wartete auch Freydanks Lebensgefährtin gespannt auf das Ergebis, während der sechsjährige Sohn zu Hause schlief und erst am Morgen von Papas Triumph erfuhr.

Drei Jahre für 15 Minuten - und einen Oscar

„Ich habe immer davon geträumt, Filme zu machen. Aber ich habe niemals auch nur im Ansatz gewagt, mir vorzustellen, je für einen Oscar nominiert zu werden, geschweige denn ihn zu bekommen“, beschrieb der Regisseur seine Reaktion auf den Preis. Aber es sah lange Zeit nicht einmal danach aus, dass der Jugendtraum vom Filmemachen je in Erfüllung gehen würde. Geboren wurde Freydank 1967 in Ost-Berlin, der Wunsch, zum Film zu gehen, scheiterte aber zunächst: Fünfmal wurde er von Filmhochschulen in Potsdam und Berlin abgelehnt, arbeitete ersatzweise als Cutter, Regieassistent, führte selbst Regie bei Off-Theatern, gründete schließlich 1999 die Mephisto Film.Werbefilme hat er gedreht, für Spreequell etwa, für Vita Cola oder Glashäger, auch einige Kurzfilme. Fürs Fernsehen hat er Drehbücher geschrieben, zu „Dr. Sommerfeld“ beispielsweise, zu „Polizeiruf 110“ und „Medicopter 117“.

„Spielzeugland“ hat ihn drei Jahre beschäftigt, bis die knapp 15 Minuten im Kasten waren. Zwei Jahre lang dauerte allein die Finanzierung des 30.000-EuroProjekts, das schließlich vom Medienboard Berlin-Brandenburg mit 18 000 Euro und von der Filmförderungsanstalt mit 12 000 Euro gefördert wurde. Nur für fünf Drehtage in Berlin und Umgebung reichte das Geld, und auch das nur, weil viele Beteiligte, auch die Schauspieler, auf Gage und Entgelt verzichtet hatten.Auch mit der letzten Klappe waren die Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg noch lange nicht ausgeräumt. Auf deutschen Festivals wollte man vom „Spielzeugland“ vorerst nichts wissen, erst als der Kurzfilm im Ausland Erfolg hatte, wurde man auch hierzulande aufmerksam.

Insgesamt 18 nationale und internationale Preise hatte Freydank mit seiner Arbeit bereits gewonnen, der Oscar als 19. dürfte auch ein Projekt beflügeln, das den Regisseur schon fast ebenso lange wie „Spielzeugland“ beschäftigt: „Der Bau“, sein erstes 90-Minuten-Projekt nach einer Erzählung von Franz Kafka. Es geht um ein Tier und seine endlosen Mühen, sich eine perfekte, vor seinen Feinden schützende Behausung zu bauen. Die Besetzung der Hauptrolle könnte schwierig sein.

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