Porträt: Schauspielerin Sandrine Kiberlain : Sturz in die Liebe

Ein ehemaliges Paar, ein Paar am Anfang: In dem Film "Mademoiselle Chambon" spielt Sandrine Kiberlain eine Lehrerin, die sich in einen Maurer verliebt - und den spielt ihr Ex-Mann. Eine Begegnung mit der Schauspielerin.

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Sandrine Kiberlain ist "Mademoiselle Chambon".
Sandrine Kiberlain ist "Mademoiselle Chambon".Foto: dpa

Ja, es ist ein langsamer Film, einer mit betont einfacher Dramaturgie, die Dinge heben unmerklich an und sind plötzlich unverrückbar da. Jean ist Maurer in einer Kleinstadt im südfranzösischen Département Bouches-du-Rhône, er ist solide verheiratet und hat einen zehnjährigen Sohn, Jérémy. Véronique Chambon, die man im Ort eher nicht unter ihrem Vornamen kennt, ist eine unsesshafte Lehrerin, ein Jahr hier, ein Jahr dort, manchmal länger, zurzeit unterrichtet sie auch Jérémy. Dann ist Jérémys Mutter krank, weshalb der Vater sich in der Schule blicken lässt, dann stellt er auf Einladung von Mademoiselle Chambon der Klasse seinen Beruf vor, und etwas fängt an und ist sofort mittendrin.

So gehen französische Filme gern, meist wird eher viel in ihnen gesprochen, hier nicht. Jean und die Lehrerin verlieben sich scheu ineinander, er repariert ihr ein Fenster, sie spielt ihm etwas auf der Geige vor, und dann ist da ein bisschen später diese Szene, eine einzige Einstellung, fünf Minuten lang, da ist ein Drittel des langsamen Films schon vorbei. Die beiden sitzen in der Lehrerinnenwohnung auf dem Sofa und hören einer Musik zu, die die Frau – oder sollte ich sagen: das Fräulein – aufgelegt hat, man mustert sich abwechselnd, verfehlt sich, Lächeln, Gewissensbisse, Glück, er nimmt ihre Hand, führt sie an die Wange, dann der Kuss. Und ein paar Tränen wischt die Frau weg, eine Hand übers Gesicht ohne Scham, bevor er geht.

Sandrine Kiberlain, sie ist im Gespräch so aufmerksam und ernst wie im Film, findet diese Szene auch heute noch „unglaublich“, und als sie sich daran erinnert, ist es, als ginge sie langsam um ein sich immer wieder zauberisch verschließendes Geschenk herum. „Wir haben diese Szene in dieser einzigen langen Einstellung gedreht und nur dieses eine Mal, wir haben sie zu zweit getanzt!“ Und es ist tatsächlich ein Tanz, der da auf dem Sofa geschieht, aus dem Stillstand heraus ein Tanz der Blicke und Berührungen ohne ein Wort. Zwei verlieben sich ineinander, es trifft sie und sie wehren sich nicht, der erdige Mann, die ätherische Frau, alles ist Anfang mitten im Leben, Ehebruch und Unschuld zugleich.

Dass sie ein Paar waren im echten Leben, Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain, dass sie eine Tochter haben und seit ein paar Jahren geschieden sind: Wer das weiß, mag etwas verlieren beim Sehen von Stéphane Brizés „Mademoiselle Chambon“, aber er gewinnt mindestens ebenso viel hinzu. Wann geschieht das schon, dass zwei, die das Ende hinter sich haben, den Anfang spielen – so unabweisbar gewesen intim? Schon während die Lehrerin zuhört, wie der Maurer vor den Schülern davon spricht, dass ein Haus ein Fundament braucht zum Beispiel, wenn es ein Leben lang halten soll, schon in den sanften Beobachterinnenblick Kiberlains mischt sich ein Versinken, mischen sich Schmerz und Verlustangst, alles, was gemeinhin den Anfängen folgt bis zum Ende.

„Man sagt tomber amoureux“, sagt Kiberlain, „nicht s’élever amoureux“, also: Man fällt in die Liebe, erhebt sich nicht durch sie. Oder, härter gesagt: „Es ist ein Sturz.“ Auch das Filmen dieser Anfänge war ihr schwer, „nicht die Szenen selber, da werfe ich mich rein. Aber nachher fragte ich mich: Wie habe ich es nur geschafft, das mit Vincent zu spielen?“ Vielleicht vor allem dadurch, dass man die gemeinsame Vergangenheit möglichst draußen hält. „Ich sah nicht Vincent an“, sagt sie. „Ich sah Jean an.“ Und präzisiert: „Mademoiselle Chambon sah Jean an.“

Man muss das sehen, wie sie ihn ansieht: brennend. Und still. Er dagegen ist eher die Masse Mann, die staunend ein Gefühl einsickern sieht in sich und es dort zu halten sucht, gegen alle Alltagsvernunft. Und tatsächlich ist es, als sei dem französischen Allesspieler Vincent Lindon da etwas sehr Besonderes unterlaufen. Als Stéphane Brizé ihm seine Exfrau als Filmpartnerin vorschlug, lehnte er erst ab. „Aber dann rief er mich an“, sagt Sandrine Kiberlain. „Er sagte, das Ganze sei unmöglich, aber er wollte mir die Rolle nicht vorenthalten.“ Und dann passierte ihnen dieser „Film über die Liebe im Allgemeinen“, sagt sie und lächelt verlegen, „aber wir haben ihn mit unserer Liebe gemacht“.

„Mademoiselle Chambon“ ist ein unerhört luftiges Stück Kino – und hat zugleich etwas von einem Comeback für Sandrine Kiberlain, dabei ist die hochgewachsene, hagere Schauspielerin mit dem rotblonden Haar und den vielen Sommersprossen gerade mal 42. Berühmt wurde sie auch in Deutschland in den neunziger Jahren – durch „En avoir (ou pas)“, „A vendre“ und „Love me“. In der Trilogie von Laetitia Masson spielte sie die radikal einsame, lebenshungrige junge Frau auf der Suche nach sich selbst. „Aber ich bin ganz anders als diese Figuren“, sagt sie ernst, „viel verspielter, fröhlicher, weniger wild auch.“ Damals drehte sie drei Filme pro Jahr; dann aber machte sie wegen ihrer kleinen Tochter jahrelang Pause und wechselte, mit einigem Erfolg, ins Chansonfach. „Jetzt ist meine Tochter zehn, wir reden über alles. Wenn ich ihr sage, ich muss los, einen Film drehen, dann versteht sie es.“

So ein Film ist „Mademoiselle Chambon“. Wieder spielt Kiberlain eine Selbsterforscherin, aber nahezu im Geheimen, sie spielt die Erinnerung an den Anfang der Liebe. Und ist es nicht so, dass man immer eine Erinnerung mitlebt in allem, was beginnt? Aber dann ist da diese Szene am Bahnhof, die Geschichte geht in zarter Langsamkeit ihrem Ende entgegen, die Sonne scheint über dem Département Bouches-du-Rhône, alles ist wie in allen erfundenen und erlebten Bahnhofsszenen, nur ist da die unvergleichliche Sandrine Kiberlain. Sie erfüllt den langen Augenblick mit ihren Bewegungen und Blicken, und plötzlich ist es, als hätte man das noch nie gesehen.

Ab Donnerstag im Cinema Paris (auch OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei und Yorck

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