Psychothriller : Stille Tage in Triest

Ambitioniert: Giuseppe Tornatores Psychothriller "Die Unbekannte".

Martin Schwickert

BerlinDer Kontrast zum Publikumsliebling „Cinema Paradiso“, mit dem Giuseppe Tornatore 1988 seinen internationalen Durchbruch feierte, könnte größer nicht sein. In dem düsteren Noir-Thriller „Die Unbekannte“, mit dem sich der italienische Regisseur nach sechsjähriger Leinwandabstinenz zurückmeldet, taucht Tornatore tief hinab in die Psyche einer Frau, die durch sexuelle Gewalt und Zwangsprostitution schwer traumatisiert wurde und nun ihren eigenen Weg der Vergangenheitsbewältigung geht.

Aus der Ukraine taucht Irina (Xenia Rappoport) eines Tages in Triest auf, mit einem Koffer voll Geld und einem Plan. Alles, was sie tut, macht sie mit einer Zielstrebigkeit, die ihre Mitmenschen beeindruckt, aber auch ein wenig verängstigt. Sie mietet eine viel zu teure Wohnung an und ergattert einen Putzjob im Haus gegenüber. Jeden Tag wischt sie die riesige spiralförmige Treppe des Hauses, das vorwiegend von wohlhabenden Leuten bewohnt wird. Keineswegs zufällig stürzt die Haushälterin die Stufen hinunter. Als Ersatz bietet sich Irina der Goldschmiedin Valeria Adacher (Claudia Gerni) an und erarbeitet sich langsam das Vertrauen der Familie und der kleinen Tochter.

Dass es Irina nicht nur um eine sichere Anstellung geht, weiß das Publikum längst. In welchem Zusammenhang ihr Vorgehen mit der düsteren Vergangenheit steht, die in Rückblenden sukzessive aufgedeckt wird, bleibt jedoch durch eine konsequente Verrätselungsdramaturgie bis kurz vor Schluss im Dunkeln. „Die Unbekannte“ ist ein kunstfertig konstruierter Thriller, der an einigen Stellen jedoch deutlich unter seiner formalen Überambitioniertheit leidet. Das gilt vor allem für den allzu dick aufgetragenen Musikscore des italienischen Meisterkomponisten Ennio Morricone, der fast keine Szenen unkommentiert lässt.

Tornatore, der zuletzt mit Filmen wie „Der Zauber der Malèna“ im Kunsthandwerkskitsch zu versinken drohte, garniert seinen Ausflug in die düstersten Winkel des menschlichen Daseins mit einer Unzahl von Hitchcock-Zitaten, die immer eine Idee zu eitel auf dem Silbertablett serviert werden. Aber obwohl die Bildmetaphorik und die reißerischen Rückblenden in die traumatisierende Vergangenheit angestrengt wirken, funktioniert „Die Unbekannte“ als Psychothriller erschreckend effektiv. Das gilt vor allem für die sehr deutlich ausformulierten Szenen sexueller Gewalt. Die Brutalität der sexuellen Versklavung wird in schnell zerschnittenen Sequenzen zwar nicht als voyeuristischer Effekt zur Schau gestellt. Aber gerade in der Mixtur aus hoher Kunst und roher Gewalt entfaltet der Film seine schlafraubende Wirkung. Darauf sollte man vorbereitet sein, wenn man sich an der Kinokasse anstellt. Martin Schwickert

Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, FT am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Passage, Central Hackescher Markt (OmU)

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