''Räuber Kneissl'' : Bis zur letzten Tannennadel

Marcus H. Rosenmüller ("Wer früher stirbt, ist länger tot") hat mit "Räuber Kneissl" wieder einen etwas anderen Heimatfilm gedreht.

Kerstin Decker
Kneissl
Mathias Kneißl (Maximilian Brückner). -Foto: promo

Die Kneissls sind eine typische 19.-Jahrhundert-Unterschichtenfamilie. Im 19. Jahrhundert Unterschicht zu sein, war einerseits noch viel unangenehmer als heute, doch passive Lebensführung, Lethargie und ungesunde Ernährung konnte den real existierenden Kneissls niemand vorwerfen. Vater und zwei Söhne schossen sich ihren Braten waldfrisch auf den Tisch, denn sie waren talentierte Wilderer. Diebe waren sie auch. Nur als die Familie die Wallfahrtskirche Herrgottsruh plünderte, begann eine Pechsträhne. Vater Kneissl stürzt auf der Flucht vor den Gendarmen vom eigenen Mühlrad und die Mutter (Maria Furtwängler!) muss ins Zuchthaus.

Hier setzt Marcus H. Rosenmüllers Historienfilm „Räuber Kneissl“ ein, der die Tatsache kompensiert, dass Bayern weder einen Robin Hood noch einen Klaus Störtebeker hervorgebracht hat. Nur eben Räuber Kneissl, Sohn des nunmehr toten Müllers und Wilderers und der Zuchthäuslerin.

Der Film wurde von lauter bekennenden Bayern gemacht – wer hier einen Bayern spielt, ist auch einer und spricht auch so. So ist alles authentisch von der ersten Tannennadel an – oder nicht ganz: Tschechien sieht heute viel bayerischer aus, es ist auch noch nicht so zersiedelt. Und auf die weiten Blicke mochten Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“, „Schwere Jungs“) und sein Kameramann Stefan Biebl nicht verzichten.

„Räuber Kneissl“ fängt zum zweiten Mal an, als Sohn Mathias – aufgewachsen vor allem im Zuchthaus – als erwachsener Mann hinaustritt in die Freiheit und fortan nichts will als ein Leben auf der Grundlage des Gesetzes. 19. Jahrhundert herrscht, wenn ein solcher Wille von vornherein keine Chance hat. Einmal Zuchthäusler, immer Zuchthäusler.

Maximilian Brückner verkörpert den Kriminellen älteren Typs, den edlen Verbrecher, den schuldig Unschuldigen – verfolgt von der Polizei, insbesondere von Gendarm Förtsch. Thomas Schmauser, einst der überscheu verliebte Pennäler in „Nach fünf im Urwald“ gibt diese ebenso tölpelhafte wie aasige Provinzobrigkeit. Das Ganze entwickelt einen eigenen Sog der Ausweglosigkeit – verstärkt und besiegelt zugleich durch eine große Liebe (Brigitte Hobmeier) und ebenso große Bilder der tschechischen Landschaft. Grundsolides Erzählkino, wie die ewigen Etikettierer sagen würden.

Rosenmüller beschreibt die Kneissl-Problematik so: „Als armer Mensch kannst du trotzdem ein wunderbares Leben führen, wenn du einen Drang zur Freiheit und zur Lust hast. Die Hauptaussage für mich ist: Egal, welches Schicksal einen trifft, die schönen Momente kann einem keiner nehmen.“

Das Gute ist, dass Rosenmüllers Film das doch viel intelligenter ausdrückt als er selbst. Der etwas andere Heimatfilm.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Passage

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