Rainer Werner Fassbinder : Als wär’s ein Stück von Dir

Was seitdem in der Welt geschah: Harry Baer schreibt Rainer Werner Fassbinder einen Brief – zum 25. Todestag.

Film war sein Leben: Foto: dpa
Film war sein Leben: Am 10. Juni 1982 starb Rainer W. Fassbinder.Foto: dpa

Servus Rainer,

eigentlich wollte ich Dir schon lange schreiben. Im Moment ist ja wieder ein ganz schöner Wirbel um Dein Erbe, aber dazu komme ich später. Neulich habe ich den Leuten bei einer Ausstellung von „Berlin Alexanderplatz“ die Geschichte von dem Schnee erzählt, der in Blutregen übergehen sollte auf der toten Mieze. Wir waren ja 1970 in Paris auch mal im „Alcazar“. Die Nummer, in der Marlene Dietrich vor ein Erschießungskommando geführt wird, kriegte ich nicht aus dem Kopf: Der Offizier tritt neben die Dame, um das Kommando zur Hinrichtung zu geben. Marlene holt sich den Degen auf Augenhöhe, um sich mit einem knallroten Lippenstift die letzte Korrektur im Spiegel des Waffen-Schafts zu verpassen. Kaum sind die Lippen nachgezogen, gibt der Offizier dem Peloton mit tränenerstickter Stimme den Schießbefehl. Marlene stürzt zu Boden. Schnee fällt vom Himmel und bedeckt die Tote.

Zehn Jahre später wollte ich das einbauen in den Epilog zu „Alexanderplatz“: Jetzt wechselt der Schnee die Farbe, weil es vom Himmel Blut regnet. Das wäre wirklich eine tolle Szene geworden mit der toten Mieze. Aber die teuren Kostüme und überhaupt, ob das Filmblut wohl je wieder rausgegangen wäre aus den Klamotten? Ich habe in der Ausstellung auch gesagt, dass es in Ost-Berlin unheimlich schöne Motive gab. Langsam werden es weniger. Ach so, das weißt Du ja nicht, aber die DDR gibt es nicht mehr. Deutschland ist wiedervereinigt, ohne dass auch nur ein Schuss gefallen ist. Siebzehn Jahre ist das her.

Ich bin seit 1986 in West-Berlin, weit weg von der Münchner Mischpoke. Du glaubst es nicht, aber in München haben mir die Leute, die mir vorher die Stiefel geküsst haben, nur um in deine Nähe zu kommen, nach Deinem Weggang 1982 nicht mal mehr die Hand gegeben, geschweige denn in die Augen gesehen. Gruselig. Aber die Gesichter habe ich mir gemerkt, alle. Ich wohne also um die Ecke von unserer alten Wohnung in Charlottenburg, unsere feste und geheizte Burg in der bösen Kälte im Winter 78/79 bei der „Dritten Generation“. Im November 1989 ist es dann passiert. Die Mauer war auf. Plötzlich konnten wir nach Ost-Berlin und die von der anderen Seite rüber nach West-Berlin. Szenen spielten sich ab am Bahnhof Zoo wie auf dem Schwarzmarkt in der „Maria Braun“. Es wurden aber keine Broschen gegen Kartoffeln getauscht, sondern es war eine einzige Wechselstube. Toller Stoff für einen der kleinen „schmutzigen“ Filme, die Du eigentlich noch drehen wolltest. Elf Monate später war Deutschland dann wieder souverän. Nur die Schweizer mögen uns nicht mehr, ich glaube, weil zu viele Deutsche bei denen arbeiten. Das wird Dir aber der Daniel Schmid erzählt haben, der ist neuerdings ja auch da, wo Du bist.

Wir waren nicht immer einer Meinung, das wäre auch grauenhaft gewesen. Aber bei der Ahnenreihe der Kanzler bei den Schlusstiteln von „Die Ehe der Maria Braun“ waren wir d'accord! Den Willy Brandt haben wir nicht mit aufgenommen, der war für uns sakrosankt. Dann aber Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger und Helmut Schmidt, zuerst als Negative. Und schließlich der Schmidt ins Positiv geblendet, denn der war uns zu technokratisch. Schmidt raucht übrigens heute noch wie ein Schlot und ist schon 88.

Apropos Kanzler. Wir haben jetzt eine Frau an der Spitze. Madame kommt aus dem Osten und hatte anfangs eine fürchterliche Frisur. Berlin ist jetzt wieder Hauptstadt, und den hiesigen Starfriseur, Udo Walz, kennst Du doch auch noch. Jetzt sieht Angela Merkel richtig gut aus, und es gibt ein neues Wort, nämlich Bundeskanzlerin.

Warum hast Du mich in den frühen Filmen eigentlich immer mit neuen Frisuren traktiert? Bis auf einen Glatzkopf musste ich fast alles über mich ergehen lassen. Bei „Whity“ wurden mir sogar die Augenbrauen gefärbt. Wie ein Albino sah ich aus. Und die Krönung war „Berlin Alexanderplatz“, wo ich partout blond sein musste. Es gibt da ein Foto von mir im Mommsen-Stadion, wo wir gegen die Elf von Hänschen Rosenthal mit 1:11 nach Hause geschickt wurden – schrecklich!

Jetzt wird wieder gejubelt, weil der deutsche Film zur Kenntnis genommen wird, sogar in Cannes! Fatih Akin hat einen Preis für das beste Drehbuch bekommen. Die Hanna spielt auch mit. Gibt wieder gute Filmemacher, das Loch, was Du hinterlassen hast, hat etliche Zeit gebraucht, um sich wieder zu füllen. Wenn ich mir vorstelle, dass „Berlin Alexanderplatz“ damals unfassbare 12,6 Millionen Mark gekostet hat! Tom Tykwer hat letztes Jahr mit Bernd Eichinger als Produzent „Das Parfum“ gedreht. Mit 60 Millionen. Ach so, wir haben ja jetzt den Euro – keine Wechselarien mehr an den Grenzen, und die Tschechen führen das Geld auch bald ein.

Und wir haben endlich eine Deutsche Filmakademie, wie die anderen Länder auch. Die hat schon 900 Mitglieder. War eine Initiative vom Eichinger. Der Filmpreis wird von der Branche selbst vergeben, ohne den ganzen Gremien-Kack! Echter Fortschritt und bislang ohne großes Mauscheln. Jedes Jahr bekommt man ein Paket mit den nominierten Filmen. Videos kennst Du ja noch, aber jetzt gibt es so handliche Scheiben, die heißen DVDs und da passen locker mehrere Filme drauf. Gibt schon viele Fassbinder- DVDs. In Sachen technischer Fortschritt geht sowieso gerade die Lucy durchs Dorf. Wir haben mit dieser großen, geblimpten Arri-Kamera gedreht, diesem Ungeheuer, fast wie ein Elefant. Heute gibt es Kameras, die sind klein und leicht wie ein Spatz.

Wir drehten für „Despair“ irgendwo an einem Weiher in Norddeutschland. Eine Szene mit Dirk Bogarde und Volker Spengler. Du sagtest: „Was is jetzt, wenn ich einen lila Elefanten brauche? Oder ein Telefon, hier und jetzt?“ Und Du stampftest mit den klobigen Stiefeln in den sumpfigen Boden. Alles kein Problem mehr heute. Wir haben jetzt Handys. Jeder hat eins. Nur die Tonleute sind nicht so begeistert. Ich könnte das Bild auswendig malen: Du, leicht gebückt neben der Kamera, voll konzentriert. Die meisten Regisseure sitzen längst vom Geschehen abgewandt und schauen sich die Einstellung auf einem Monitor an.

Heute wird unheimlich viel in der Nachbearbeitung gemacht, die Computer können alle Tricks. Hätten wir nur so was gehabt, zum Beispiel beim „Alexanderplatz“. Da schreibst Du ins Drehbuch: „Sobald Franz gesprochen hat, hören die Mäuse auf zu fressen und gehen links aus dem Bild!" Was hat mich das schlaflose Nächte gekostet! Wie bitte sag ich einer Maus, dass sie nach rechts aus dem Bild gehen soll, aus ihrer Sicht natürlich. Wir haben es schon hinbekommen mit einer Käsewand und mehreren Generationen von diesen Biestern, die dem Günter Lamprecht in die Klamotten rein sind. Aber einfach war es nicht. Oder die Szene in „Götter der Pest“ mit diesem blöden Spielautomaten. Der hat erst nach 76 (!) Einstellungen auf meine zwei Zehnerl reagiert und einen Gewinn ausgespuckt. Heute würde man sagen: „Das machen wir in der Post!“, will heißen: in der post production am Computer.

Ich erzähl Dir noch was, wovon Du nichts wissen kannst: Es gibt neue Parteien im Land, zum Beispiel „Die Grünen“. Jetzt dürfen sogar Männer heiraten, wirklich, fast überall! Außer in Bayern, die zicken noch rum, wie eh und je. Berlin hat einen Bürgermeister, der würde dir gefallen. Die Pariser haben auch einen schwulen Bürgermeister, London ebenso. Und ich muss daran denken, wie ich gefroren und mich geschämt, mich fast mit meiner nächsten Verwandtschaft zerstritten habe, weil ich in Deinen frühen Filmen so oft nackt vor der Kamera stehen musste. In „Katzelmacher" zwar nur von hinten, aber mein blöder Hodensack war zu sehen, weil die Scheinwerferhitze halt so ihre Sachen macht mit dem Gemächt. Der hing ins Bild und musste mit Leukoplast hochgeklebt werden.

Nebenan, in Polen ist Männerliebe noch verteufelt. Die haben Zwillinge vorne dran, der eine Präsident, der andere Ministerpräsident, erzreaktionär. Noch schlimmer ist es in Moskau, da werden bei einer CSD-Parade Homosexuelle verdroschen von Nazis und Co. und die Polizei schaut zu. Noch ein bisschen weiter weg werden die Schwulen sogar hingerichtet. Gab es bei uns auch schon mal. Ist immer noch nicht überall normal, anders zu sein als die anderen.

Wir waren mal im Schloss Bellevue eingeladen, als der Scheel noch Bundespräsident war. Nach dem Empfang saß man in kleiner Runde, rauchte von seinen Zigarren und trank teuren Cognac auf Kosten des Hauses. Mein Gott, warst Du scharf auf den einen Bodyguard von Scheel, und der hat das mitbekommen. Am Ende sagte doch die linksrheinische Frohnatur: „Nehmen Sie ihn doch mit!“ Dem präsidialen Befehl kamen wir nach; leider wurde der Herr Leibwächter so betrunken, dass wir ihn im Taxi zurück zu seinem Chef schicken mussten.Was hat sich nicht alles verändert! Alleine das Wetter. Wir blasen zuviel Kohlendioxid in die Luft, die Umwelt geht in den Arsch, die Amerikaner haben eine Regierung, die die Ölinteressen vertritt und die deutsche Automobilindustrie baut immer größere und schnellere Autos. Und der neue Papst ist aus Bayern! Unser geliebtes Kampfblatt ließ sich sogar zu der Überschrift hinreißen: „Wir sind Papst“. Ohne Schmarrn! Oder Deine „Bayern“. Gerade mal Vierter seid ihr diesmal geworden und das ganze Land freut sich darüber, weil es die Spätzle-Schwaben aus Stuttgart geschafft haben. Gnädigerweise dürft ihr noch im Uefa-Cup mitkicken, nix mehr Juve oder ManU. Aus isses! Und noch was für Deine geschundene Fußballer-Seele: Der Club ist Pokalsieger. So! Das musste jetzt mal sein.

Ach je, wie hört sich das alles an? Heute macht man keine Filme mehr wie Du. Man fragt mich oft, wie es denn so weiter gegangen wäre ohne den „Grünen Tee“ und Deine blöden Schlaftabletten. Hast Du denn nichts gemerkt, Harry, dass du mit einem Genie gearbeitet hast? Sorry, sag ich dann immer, Du warst halt die Lokomotive, und einige haben die Heizer gegeben. Das Filme-Handwerk habe ich bei Dir gelernt. Auch wenn manches verdammt schwer war, weil Du so schnell warst. Mel Ferrer hat Dich Mr. Fastbinder genannt bei „Lili Marleen“. Allein die Szene in der Hotelhalle in „Warnung vor einer heiligen Nutte“, eine Höchstleistung! Fast 50 Einstellungen an einem Tag und ohne Kompass. Wenn ich mir das heute anschaue, sieht es so furchtbar einfach aus.

Alles was so glänzt an Dir, hatte auch Sprünge im goldenen Metall, manche wollen sie heute noch nicht sehen. Und Du hast auch Verwundungen hinterlassen, die noch heute richtig weh tun. Es gibt grad neuen Streit in der Familie, was da 25 Jahre vor sich hinkokelte. Du hättest Deine Freude dran, denn es könnte ein Theaterstück von dir sein. Leider hatten nicht immer alle die gleichen Erlebnisse zur selben Zeit mit Dir gehabt, das ist der größte Teil des Problems von heute. Bloß Deine Energie, die hat keiner von uns.

Du müsstet dieses Jahr ein paar Freunde treffen, den Daniel Schmid, den Willy (Peer Raben) und den Laurens Straub zum Beispiel. Die anderen kommen noch. Sind auch Mädels dabei. Ich bin mir nur nicht sicher, ob Du die wirklich alle sehen willst!

Nix für ungut! Bis dann. Servus.

Dein Harry

Harry Baer, geboren 1947, war von 1969 bis 1982 – als Schauspieler, Regieassistent, Produktionsleiter – an fast allen Produktionen Fassbinders beteiligt. Der engste und treueste Freund schrieb nach dem Tod des Regisseurs 1982 die legendäre Biografie „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Seine Website: www.regie.de

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