Rambos Rückkehr : Der verletzte Mohikaner

Sylvester Stallone räumt als „John Rambo“ den Dschungel von Birma auf – mit schiefer Visage, abfälligem Blick und ohne viele Worte. Am Ende darf die Hollywood-Ikone endlich heimkehren.

Kai Müller

Wenn im Haus der Strom ausfällt, muss jemand in den Keller, um die Sicherung reinzudrehen. Furchtsamere Gemüter pfeifen ein Lied dabei. Kinder stellen sich einen Gefährten vor. Rambo würde sagen: Einer muss es tun, und am Ende sogar die Dunkelheit umbringen.

Rambo, der Superheld. Eine Pop-Ikone der militärischen Aggression. Seit 1982 ist er mit Stirnband, langen Haaren und Trottelblick ein Synonym fürs Unmachbare. Rambo geht dorthin, wo sonst niemand hin will. Jedenfalls nicht freiwillig. Nach Vietnam auf der Suche nach letzten amerikanischen Kriegsgefangenen; nach Afghanistan, um den Mudschaheddin beizustehen. Immer haut er jemanden raus, den er mag. Was der Figur gerne als Sentimentalität ausgelegt wird. Doch Rambo ist kein edler Ritter. Um Gefühle geht es nicht, das stellt Sylvester Stallone jetzt im unverhofften vierten Teil der Rambo-Serie klar. „Der Krieg liegt dir im Blut“, sinniert Rambo hier, als wäre seine verkorkste Psyche ein Naturgesetz.

Kaum zu glauben, aber Sylvester Stallone hat ein Land gefunden, in das selbst die Amerikaner nicht einmarschieren würden: Birma. Dorthin lässt er seine alternde Kampfmaschine diesmal ziehen in einem blutrünstigen, schlicht „John Rambo“ betitelten Dschungelkriegsdrama – Stallone scheint Gefallen zu finden an der Reinheit des Namens, wie zuletzt „Rocky Balboa“ illustrierte. Rambo hat sich als Flussschiffer nach Thailand zurückgezogen, als eine Gruppe amerikanischer Missionare ihn um eine Überfahrt nach Birma bittet. „Das ist Kriegsgebiet“, warnt er, ein letzter Mohikaner, Pfeil und Bogen hat er auch. Die christlichen Helfer wollen dem bedrohten Volk der Karen beistehen. Rambo: „Nehmen Sie Waffen mit?“ Missionar: „Natürlich nicht!“ Rambo: „Dann werden Sie gar nichts ändern.“ Missionar: „Es ist dieses Denken, warum sich auf der Welt nichts ändert.“ Rambo: „Scheiß auf die Welt.“

Da ist er wieder, der vertraut-einsilbige Rambo-Ton, die schiefe Visage, der abfällige Blick. Der zweite Teil des Films ist besser. Da gibt es keine Dialoge mehr. Stattdessen: das große Einmaleins der Gefangenenbefreiung. Mürrisch und mit bewährter Brutalität räumt Rambo den birmesischen Dschungel auf. Geschlagene zehn Minuten steht er hinter einem Maschinengewehr und mäht birmesische Soldaten nieder. Die haben sich zuvor durch schreckliche Gräueltaten ziemlich diskreditiert: Dörfer werden überfallen, Gliedmaßen im Granatenhagel abgesprengt und Kinder vor aller Augen erschossen, erdolcht, ins Feuer geworfen. Das ist furchtbar anzusehen. Nicht, dass Rambo sich durch diese an Goya erinnernden Schreckensbilder empört zeigte. Er hat es ja vorher gewusst.

Stallone weist als sein eigener Regisseur in Interviews eifrig auf die Menschenrechtsverletzungen der birmesischen Militärregierung hin, die seit einem halben Jahrhundert Völkermord betreibe. Noch immer suchen der müde Krieger Rambo und sein Hollywoodstar nach den richtigen Gründen, um einen Krieg zu führen.

Schon „First Blood“ war von diesem Wunsch erfüllt. Der vom Vietnam-Krieg traumatisierte Ex-Soldat sah sich zuhause als Opfer eines „schlechten Krieges“. Sein Privatfeldzug richtete sich nicht nur gegen die örtlichen Sheriffs, sondern auch gegen die bigotte Vorstellung der Zivilgesellschaft, sie könne junge Männer erst ans Töten gewöhnen und dann dafür verurteilen. Rambo war der Bumerang, den keiner mehr auffangen wollte. Das verlieh der Figur ihren sozialkritischen Schwung. Der ging verloren, als Stallone seine Figur in den beiden Fortsetzungen vom heroischen Dilemma erlösen wollte. Er schickte den Kampfkoloss aus, um „gute Kriege“ zu führen. Zuletzt 1988 in „Rambo 3“. Das Ende des kalten Krieges wischte die Figur von der Bühne. Denn Rambos Reiz bestand in seiner Irregularität. Er führte gute, aber verbotene Feldzüge gegen normale Streitkräfte. So adaptierte Republikaner-Freund Stallone die Interventionspolitik der Reagan-Ära fürs Action-Kino. Es bedurfte eines „Teufels“ wie ihn, um die anderen Teufel zurückzuschlagen, war die Logik.

Dass Rambo nun wieder auftaucht, verwundert zunächst. Wofür braucht es ihn, wenn die USA mittlerweile eine ganze Armee von Rambos haben? Um ein Häuflein westlicher Gutmenschen aus den Fängen der birmesischen Junta zu befreien, reicht auch die Söldnertruppe, die für diese Aufgabe in „John Rambo“ ausgeschickt wird. Rambo selbst ist da nur Mitläufer, der seinen klobigen Körper durch eine billig gestrickte Story hievt und am Ende zum großen Gemetzel ausholt. Das ist zu dürftig, um einem die ausgiebig demonstrierte, perverse Wucht moderner Waffen schmackhafter zu machen. Aber Stallone geht es um etwas anderes: Ob er, Rambo, nicht den Wunsch verspüre, endlich nach Hause zurückzukehren, wird er von der einzigen Frau im Film (Julie Benz) gefragt. „Komplizierte Sache“, sagt er.

Nee, ganz einfach. Als Untoter der Geschichte muss Rambo nur den „richtigen Krieg“ gewinnen. Den Anlass dafür liefern ihm ausgerechnet amerikanische Prediger. So schließt sich der Kreis.

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