"Rapunzel – Neu verföhnt" : Freiheit, süßer Duft

Eine Königstochter auf Abwegen: Disneys Weihnachtsfilm „Rapunzel – Neu verföhnt“ ist kein Blondinenwitz in XXL.

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Strapazierfähiges Haar hat schon so manche Shampoo-Werbung versprochen, aber das, was die versierte Blondine in Disneys Weihnachtsfilm „Rapunzel – Neu verföhnt“ mit ihrer Frisur anstellt, hätten sich weder die Marketingstrategen der Kosmetikindustrie noch die Gebrüder Grimm träumen lassen. Rapunzels 27 Meter langes Haar dient nicht nur als Steighilfe zum Erklimmen des Turmes, sondern auch als Liane, mit der sich die Prinzessin über Schluchten schwingt. Oder auch mal als Strick, mit dem sie Eindringlinge fesselt.

Auch wurden – im Vergleich zur Märchenvorlage – im Film die ständischen Vorzeichen verändert. Die bürgerliche Rapunzel erfährt ein Upgrade zur Königstochter. Der junge Mann hingegen, der den Turm besteigt, wird vom Prinzen zum Juwelendieb deklassiert. Das eröffnet ein weitaus größeres Abenteuerspektrum, in dem sich Rapunzel, nachdem sie aus ihrem luxuriösen Gefängnis getürmt ist, lustvoll tummeln kann. Angefangen von der Gesangseinlage in einer finsteren Wikinger-Rockerkneipe über die Verfolgungsjagd durch ein stillgelegtes Bergwerk bis zu einem Laternenfest, bei dem Hunderte von Leuchtkörpern malerisch in den Himmel steigen, bietet dieses Rapunzel-Relaunch reichlich Action, ohne dass dabei die Romantik zu kurz kommt.

Im Arsenal der Disney-Prinzessinnen fällt Rapunzel verglichen mit ihrer Vorjahreskollegin Tiana („Küss den Frosch“) freilich weniger emanzipiert aus. Dennoch schüttelt sie ihr Abhängigkeitsverhältnis zur bösen Mutter Gothel selbstbewusst ab, nachdem sie den süßen Duft der Freiheit geschnuppert hat. Ein Blondinenwitz im XXL-Format aber ist diese tatkräftige Rapunzel, die ihre Gegner mit der Bratpfanne niederstreckt, trotz ihres Barbie-Outfits nicht. Im computeranimierten 3D-Verfahren präsentiert sich der Film auf neuestem technischen Standard, bleibt aber mit seiner geradlinigen Story, den Musicalsongs und Kitscheinlagen den Disney-Traditionen treu. Doch auch wenn „Rapunzel“ im Korsett der Studiokonventionen nicht so frei atmen kann wie Pixar-Produktionen a la „Ratatouille“, merkt man – wie schon in „Küss den Frosch“ – auch hier den erfrischenden Einfluss des Pixar-Mannes John Lasseter, der seit 2004 die künstlerische Leitung bei Disney übernommen hat.

Der Groove und die wohlkolorierte Wärme, die den handgezeichneten Froschkönig auszeichneten, will sich allerdings in diesem Hi-Tech-Trickfilm ebenso wenig einstellen wie die tolldreiste Märchendekonstruktion, mit der das Konkurrenzprodukt „Shrek“ die etablierte Animationsschmiede aus der Reserve zu locken versuchte. Dennoch: Zwischen Tradition und Erneuerung schwingt sich „Rapunzel“ voller Elan über den Abgrund wie seine langhaarige Hauptfigur.

In 24 Berliner Kinos; OV im Cinestar

SonyCenter

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