Regielegende : Kubricks Waterloo mit Bonaparte

Stanley Kubrick setzte Meilensteine in nahezu jedem Filmgenre. Ein Projekt blieb ihm verwehrt. Wie der Regisseur an "Napoleon" scheiterte.

Marianna Lieder
Kubrick Foto: Cinetext
Stanley Kubrick -Foto: Cinetext

„Welch ein Roman war doch mein Leben“, soll Napoleon Bonaparte kurz vor seinem Tod 1821 ausgerufen haben. Welch einen Stoff für Drehbücher es abgab, erkannten die Pioniere des Kinos keine 80 Jahre später. Louis Lumière war 1897 der Erste einer ins Unüberschaubare angewachsenen Reihe von Filmemachern, die den Korsen wieder auferstehen ließen. Nach den Filmen von Abel Gance (1927) und Sacha Guitry (1955) begann auch Stanley Kubrick ab 1967 mit den Vorbereitungen für ein Napoleonepos. Zunächst las er alles, was ihm an Literatur unter die Finger kam. Er engagierte den Oxford-Historiker Felix Markham, der seiner irrwitzigen Detailversessenheit stundenlang Rede und Antwort stehen musste. Seine Mitarbeiter suchten ganz Europa nach Drehorten ab, durchforsteten Archive und Bibliotheken nach Fakten, Bildern und Requisiten.

Kubrick manövrierte sich in einen regelrechten Bonaparte-Rausch. Der Film, den er als den „größten aller Zeiten“ ankündigte und der während der zweijährigen Hochphase der Vorarbeiten einen beachtlichen Teil der auf fünf Millionen Dollar geschätzten Produktionskosten verschlang, wurde niemals gedreht: 1970 floppte das Monumentalspektakel „Waterloo“ von Sergei Bondartschuk. Kubricks Geldgeber MGM zog sich vom Projekt zurück.

Für Kubrick-Verehrer gibt es jetzt eine neue Möglichkeit zur Schmerzbewältigung. Beim Taschen-Verlag erscheint ein 8,6 Kilo schwerer, auf 1000 Exemplare limitierter Foliant, der sich beim Aufschlagen als eine Art Ausstellung für den Hausgebrauch entpuppt, betitelt mit „Kubrick’s Napoleon – The Greatest Movie Never Made“. Das Innere birgt zehn weitere Bände: Faksimiledrucke von historischen Stichen und Briefen, Notizen des Regisseurs ebenso wie Fotodokumentationen der Kostümentwürfe und geplanten Drehorte, dazu einen Textband, in dem Treatment, Essays und Gesprächsmitschriften versammelt sind.

Unter dem Material befindet sich auch das 1969 fertiggestellte Drehbuch. Das prometheische Schicksal Napoleons, der es vom einfachen Revolutionssoldaten zum französischen Erbkaiser brachte und schließlich in der Verbannung auf St. Helena starb, sollte so ausführlich wie möglich zur Darstellung kommen. Bei allem Interesse an historischer Genauigkeit sah Kubrick sein Sujet doch mit den Augen eines Dramaturgen. Es bot ihm „alles, was eine gute Story braucht. Einen überragenden Helden. Starke Feinde. Bewaffnete Kämpfe. Eine tragische Liebesgeschichte. Treue und verräterische Feinde. Und viel Tapferkeit, Grausamkeit und Sex.“ Die napoleonische Kriegsführung hatte es ihm besonders angetan. In einem Interview schwärmte Kubrick vom „gewaltigen Todesballett“ der Schlachten. Trocken lesen sich im Vergleich dazu die Drehbuchzeilen: „Eindrucksvolle Darstellung der Grande Armée. Maximale Zahlen“. Und wenn sich Joséphine, Napoleons „tragische Liebesgeschichte“, mit einem ihrer Generäle vergnügte, lautet die Skriptanweisung: „Maximale Erotik.“

Kubrick war von Napoleons Persönlichkeit fasziniert. Neben dem genialen Militärstrategen und Machtmenschen sah er in ihm den Inbegriff des Aufsteigers, jenen, durch die aufklärerischen Theorien des 18. Jahrhunderts und die Umstürze der Französischen Revolution ermöglichten Menschentypus, der nicht mehr auf die Gnade der privilegierten Geburt angewiesen war, sondern die gesellschaftliche Stufenleiter durch Begabung, Tatendrang und günstige Umstände erklomm. Als Regisseur, dessen „Napoleon“ nie gedreht wurde, ist Kubrick in bester Gesellschaft. Charlie Chaplin hatte seit Anfang der Zwanziger einen Film über den Kaiser und Feldherren geplant. Nachdem er Abel Gances Stummfilm entdeckte, war er derart entmutigt, dass er das Drehbuch mehrmals umschrieb. Schließlich entschloss er sich, einfach die Hauptfiguren auszutauschen und vollendete 1940 „Der Große Diktator“. Stanley Kubrick dagegen fand Gance „wirklich fürchterlich“. 1975 drehte er „Barry Lyndon“, die Geschichte eines Aufsteigers im 18. Jahrhundert. Marianna Lieder

Alison Castle (Hg.): Kubrick’s „Napoleon“ – The Greatest Movie Never Made. Taschen Verlag, Köln 2009. 2874 Seiten, 500 €. – Das Buch wird heute, Mittwoch, 18 Uhr, im Taschen Store Berlin, Friedrichstr. 180, öffentlich vorgestellt.

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