Regisseur Christian Frei : "Das ist Größe, das ist Wahn"

Regisseur Christian Frei spricht mit dem Tagesspiegel über hohe Hindernisse und große Freiheiten beim Dreh in Kasachstan.

Herr Frei, die iranisch-amerikanische Unternehmerin Anousheh Ansari flog am 18. September 2006 als erste Weltraumtouristin ins All. Wie kamen Sie auf sie?

Ursprünglich hatte ich meinen Film mit einem Japaner geplant, der in der Internationalen Raumstation im Kostüm seiner Lieblingstrickfilmfigur herumfliegen wollte. Doch vier Wochen vor dem Start wurde er aus gesundheitlichen Gründen durch Ansari ersetzt. Und alle amerikanischen Medien wollten plötzlich einen Film über die erste weibliche Weltraumtouristin machen. Doch um die nötigen Bewilligungen zu erhalten, muss man sich in Kasachstan und Russland ein halbes Jahr mit Ämtern, dem Geheimdienst und dem Militär herumschlagen. Ich war der einzige, der rechtzeitig die Bewilligungen hatte.

Die Weltraumtouristen wollen offenbar Science-Fiction live. Auch in den aktuellen Kinofilmen ist Science-Fiction gerade wieder in Mode. Ein Zufall?

Das Weltall ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Ultimativen. Naive Science-Fiction-Fans unterschätzen vielleicht, welche unglaublichen Energien für eine Reise ins All nötig sind. Ein Beispiel: Die ISS kreist mit 28 000 Kilometern pro Stunde um die Erde, nur um die Anziehungskraft auszugleichen. Eine solche Geschwindigkeit muss man erst mal erreichen – und dann wieder runterbremsen! Wie Letzteres aussieht, sieht man im Film zu Beginn, wenn die glühend heiße Sojuskapsel wie ein Komet auf die Erde niederstürzt.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Landung aus verschiedenen Perspektiven einzufangen?

Im postsowjetischen Russland existieren unzählige Barrieren für die Medien, auch im Bereich Raumfahrt. Aber wenn man sie überwunden hat, ist man plötzlich extrem nahe dran. Ich durfte in einem der Transporthelikopter für die Bergung der Kapsel mitfliegen. In den USA wäre so etwas undenkbar, da kommt niemand so nah an die Spaceshuttle heran. Und bei der Jahresversammlung der Schweizerischen Weltraum-Briefmarkensammler in Zürich-Oerlikon habe ich jenen Mann kennengelernt, der am Boden für die gelandete Kapsel zuständig ist. Als dann diese rauchende Büchse in der kasachischen Steppe lag und ich schwitzend dorthin rannte, winkte er mich durch.

Sie hatten auch Zugang zum Weltraumbahnhof in Baikonur. Was faszinierte Sie daran?

Ich habe die Raumfahrt fast nur aus westlicher Sicht erlebt. Dabei hatten die Sowjets mit Ausnahme der bemannten Mondlandung 1969 stets die Nase vorn: Die Hündin Laika war das erste Lebewesen, Juri Gagarin der erste Mensch im Weltall. Alle flogen sie von Baikonur aus ins All. Ein unglaublicher Ort: Da stehen 17 Startrampen, verteilt über ein Gebiet, das so groß ist wie die Schweiz und auf keiner Landkarte verzeichnet war. 100 000 Menschen arbeiteten da. Dass eine Rakete, die vor 40 Jahren entwickelt wurde, noch heute so gut fliegt, finde ich faszinierend. Die Sowjetunion und die Raumfahrt: Da zeigt sich die Größe, aber auch der Wahnsinn einer Zeit, die unter Gorbatschow endete.

Weshalb sagte Gorbatschow damals eigentlich: Schluss damit?

Weil die Raumfahrt zu teuer wurde. Die russische Spaceshuttles, die „Buran“, flog nur ein einziges Mal. Hätte man sie weiterfliegen lassen, wäre ein ganzes Jahresbudget der Sowjetunion draufgegangen. Heute decken Weltraumtouristen die Hälfte der Kosten eines Raketenstarts. Ansari, die Pionierin des Weltraumtourismus, bezahlte vor vier Jahren 20 Millionen Dollar. Aber auch da steigen die Preise. Guy Laliberté, der Gründer des Cirque de Soleil, stieg am 30. September 2009 in die Sojuskapsel und soweit man weiß, hat er bereits über 30 Millionen Dollar bezahlt.

Sie werfen auch einen Blick auf Raketenschrottsammler in Kasachstan und porträtieren einen rumänischen Weltall-Enthusiasten, der Ballonfahrten in die Stratosphäre entwickelt. Warum diese anderen Erzählstränge?

Ich möchte, dass das Kinopublikum in der Sojusrakete förmlich mitfliegt und den Rausch der Schwerelosigkeit miterlebt. Aber es ist wie bei einer Achterbahn: Da würde ich nicht nur die Fahrt filmen, sondern auch die Männer mit den Tattoos, die das Gerüst aufgestellt haben. Diese Männer in Kasachstan, die von Raketen leben, die buchstäblich vom Himmel fallen, mussten unbedingt in den Film rein. Das erforderte jahrelange Vorbereitungen. Aber wenn ich etwas filmen kann, das nie zuvor gezeigt werden konnte, ist das ein Supergefühl. Und ich begegne meinen Protagonisten grundsätzlich mit Empathie, ob es nun ins All fliegende Millionäre sind oder kasachische Schrottsammler.

Das Gespräch führte Hans Jürg Zinsli.

CHRISTIAN FREI,

geboren 1959 in der Schweiz, hat vier vielbeachtete Dokumentarfilme gedreht.

Oscar-nominiert wurde 2001 sein Porträt über James Nachtwey:

„War Photographer“

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