Regisseur Jim Jarmusch : Das Leben der Bohème

Regisseur Jarmusch spricht mit dem Tagesspiegel über Berlin und Manhattan, die Weltwirtschaft und die Seele seines Hundes.

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Foto: Tobis

Mr. Jarmusch, stimmt es eigentlich, dass Sie nicht gerne über Ihre Filme sprechen?



Was ich zu sagen habe, sage ich auf der Leinwand. Ich habe das Kino gewählt, um mich auszudrücken, und verbringe viel Zeit damit, das, was ich sagen will, in eine bestimmte Form zu bringen. Dennoch ist ein Film für mich erst fertig, wenn das Publikum ihn gesehen hat. Oft erkennen die Leute Dinge in meinen Filmen, die ich gar nicht gemeint habe. Ich lese auch prinzipiell nur die negativen Kritiken, weil es mich interessiert, wie jemand, der sehr weit weg von mir steht, meinen Film wahrnimmt.

Woody Allen dreht in London und Barcelona. Sie haben „Limits of Control“ in Spanien gedreht. Ist Europa die neue Heimat des amerikanischen Independent-Kinos?

Schon während der Vorbereitungen stand fest, dass ich wieder für einige Zeit aus den USA raus wollte. Es ist für meine Sicht auf die Welt wichtig, das Land, in dem ich lebe, ab und an zu verlassen. Ich fange immer an, in meinem Notizbuch kleine Ideen zu sammeln, aus denen sich sehr viel später eine Geschichte formt. Viele dieser Ideen waren mit Spanien verbunden.

In „Limits of Control“ monologisiert John Hurt in einem Gastauftritt über die kulturelle Rolle der Bohème. Blicken Sie mit einem nostalgischen Gefühl auf Ihre eigene Zeit in der New Yorker Bohème zurück?

Nein, ich fühle mich unwohl, wenn etwas historisiert wird. In New York konnte man Ende der 70er bis Mitte der 80er sehr billig leben, jeder fand einen Platz zum Leben. Man machte irgendeinen Halbtagsjob und hing die ganze Nacht in Rock-’n’- Roll-Clubs ab. Aber das ist vorbei.

Damals haben Sie auch ein halbes Jahr in Berlin verbracht ...

Ja, in den 80ern waren New York und Berlin wie zwei Schwestern. Beide Städte waren Inseln, und es fiel leicht, Leute zu finden, mit denen man seine Ideen austauschen konnte. Nach dem Fall der Mauer war ich noch zweimal in Berlin, die Stadt hat sich jedes Mal drastisch verändert – und ist immer noch eine der interessantesten Metropolen Europas. Das Zentrum von Paris ist ein Museum für reiche Leute geworden, und London ist unglaublich teuer. Berlin hat ökonomische Schwierigkeiten, ist in künstlerischer Hinsicht aber eine sehr starke Stadt.

Johnny Depp in „Dead Man“, Forest Whitaker in „Ghost Dog“, Bill Murray in „Broken Flowers“ – Gesichter sind bei Ihnen von zentraler Bedeutung. Was haben Sie für „Limits of Control“ im Gesicht von Isaach De Bankolé gesucht?

Sein Gesicht erinnert an die afrikanischen Skulpturen, von denen sich die Kubisten inspirieren ließen; es ist eine großartige Landschaft. Er macht wenig und sagt sehr viel. Ob es ein Bild im Museum ist oder eine Szene auf der Straße – er nimmt es in sich auf. Der unwiederholbare Augenblick ist wichtig für ihn, wie er es für jeden von uns sein sollte.

In „Ghost Dog“ ging es um die Lehre der Samurai, in „Limits of Control“ macht De Bankolé Tai Chi. Woher kommt Ihr Faible für fernöstliche Philosophie?

Ich habe meinen Respekt vor dem christlichen Glauben mit zwölf verloren, als mir gesagt wurde, dass Tiere keine Seele hätten. Ich dachte: „Mein Hund hat keine Seele? Niemals.“ In den östlichen Philosophien können eine Sache und ihr Gegenteil gleichzeitig nebeneinander existieren. Andere Religionen wollen die Leute voneinander trennen. Im Buddhismus geht es um gemeinsame Energie. Aber ich bin kein praktizierender Buddhist, dazu fehlt mir die Disziplin.

Nach dem Abspann steht in großen Lettern auf der Leinwand: „NO LIMITS NO CONTROL“. Wie ist das zu verstehen?

Unsere Realität ist von außen vorgegeben. Warum zum Beispiel wird alles nach dem Geldwert bemessen? Warum ist Gold mehr wert als Kupfer, Diamanten mehr als ein Stück Kohle? Das ist ein total beliebiges System, das irgendwann so festgelegt wurde. Solange wir uns so eingrenzen lassen, bleiben wir in den alten Modellen stecken. Die Struktur der Weltwirtschaft ist am Ende. Die Energiekonzepte sind am Ende. Das System muss nicht repariert, sondern ausgewechselt werden.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Sprachen und Kulturen ist in Ihren Filmen ein immer wiederkehrendes Motiv ...

Ich finde es sehr interessant, wie variabel unsere Welt ist. Sprachen und Kulturen variieren einander permanent. Mir gefällt die Schlichtheit, in der sie einander in diesem Vermischungsprozess begegnen.

Dann stehen Sie dem Prozess der Globalisierung also positiv gegenüber?

Wenn man den Vorstellungen der Konzerne folgt, läuft alles auf eine Homogenisierung der Kulturen hinaus. Aber es gibt auch andere Modelle: Nicolai Tesla hatte zu Beginn des letzten Jahrtausends die Idee, dass die Menschheit künftig durch Informationen vernetzt ist – so wie heute durch das Internet – und dass niemand mehr hungern muss, weil man die Nahrungsmittelüberschüsse besser verteilen kann. Welchem Modell wollen wir folgen, wenn es um das globale Bewusstsein geht? Wir haben die Wahl.

  Das Gespräch führte Martin Schwickert.

ZUR PERSON

Jim Jarmusch, 1953 in Akron, Ohio, geboren, lebt in New York. Seine wichtigsten Filme: „Stranger than Paradise“, „Down by Law“, „Night on Earth“, „Dead Man“ und „Broken Flowers“.

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