Regisseur Tabakman : "Viele Menschen in diesen Gemeinden führen ein Doppelleben"

Geschlossene Welt: Regisseur Haim Tabakman über Glauben und Freiheit – und seinen Jerusalem-Film "Du sollst nicht lieben"

Schwarze Hüte, Schläfenlocken, Wandzeitungen, kleine Gassen – das Leben in Ihrem Film scheint wie eine Art Parallelwelt zur israelischen Gesellschaft der Gegenwart. War es schwer, sich einzufinden?

Nicht wirklich. Auch wenn die Geschichte in Mea Shearim, in einer scheinbar fremden Welt spielt – sie hat viel mit unserem, mit meinem Leben zu tun. Man macht Fehler, kämpft darum, den richtigen Weg zu finden. Diese ursprüngliche Kraft, die die Protagonisten Aaron und Ezri empfinden, steckt in uns allen – es geht darum, wie man mit ihr umgeht.

Homosexualität in Israel war schon öfter Thema in Filmen, als Geschichte in der ultraorthodoxen Gemeinde, wie Ihr Filmdebüt es erzählt, ist es jedoch neu.

Es geht ja nicht nur um Schwule in der ultraorthodoxen Gemeinde. Es geht um eine persönliche psychologische Reise. Darum, anders zu sein, als Individuum zu bestehen. Und irgendwie sehe ich es nicht als Regiedebüt, sondern als meinen „dritten Film“. Normalerweise ist der erste Film autobiografisch, beim zweiten wird man größenwahnsinnig. Der dritte ist dann irgendwo in der Mitte und wird tatsächlich ein guter Film. Ich habe beim dritten angefangen.

Ihr Film zeigt die starren Strukturen der ultraorthodoxen Gesellschaft. Aaron wird angefeindet, Ezri sogar verprügelt. Über diese Gesellschaft ist wenig bekannt – in den ultraorthodoxen Stadtvierteln Jerusalems hängen Schilder, auf denen Touristen gebeten werden, von einem Besuch abzusehen.

Auch ich habe mir die moralische Frage gestellt, inwieweit es in Ordnung ist, Menschen darzustellen, die nicht möchten, dass ihre Lebensweise „ausgestellt“ wird. Ich habe durchaus Angst, dass der Film eine falsche Botschaft vermittelt, ein negatives Bild von dieser Art zu leben. Ich habe mich dennoch dafür entschieden, weil ich den grundsätzlichen Verdacht habe, dass wir tief in unserem Inneren alle gleich sind, ob ultraorthodox, atheistisch oder was auch immer. Die Regeln der Gemeinschaft gelten ebenfalls überall. Es geht darum, dass man das Gefühl hat, seinen Nachbarn zu kennen, aber eigentlich oft gar keine Ahnung hat. Es ist gut möglich, dass der ein Doppelleben führt, Tabus bricht, und wir es nicht wissen. Und wir alle haben das Bedürfnis, den Sinn dieses Lebens zu verstehen. Das ist bei den Menschen, die ich im Film zeige, nicht anders als bei Ihnen und mir.

Der Alltag ist in der ultraorthodoxen Gesellschaft aber eindeutig strikter geregelt. Das bezieht sich nicht nur auf die Leugnung der Existenz von Homosexualität.

Das denken wir auf den ersten Blick: alles starre Regeln. Was ich aber bei genauerem Hinsehen festgestellt habe: Das ist auch ein großartiges System. Es gibt einem sehr viel Halt, für fast jeden Lebensbereich. Sogar für den Gang zur Toilette, für das Händewaschen gibt es bei orthodoxen Juden einen Segen und Regeln dafür, wie das abzulaufen hat. Von außen sieht das alles im wahrsten Sinne des Wortes schwarz und weiß aus, wie die Kleidung dieser Menschen. Aber andererseits hat hier jeder seine Funktion und einen Grund, sich so zu verhalten, wie er es tut. Das gibt Halt. Das darzustellen, jenseits der Klischees, war mir wichtig.

Das heißt, für die Menschen dort gibt es keine Qual der Wahl?

Das Gefühl, Teil eines Plans zu sein, ist größer. Und gerade die Einschränkungen, die vielen Dinge, die nicht erlaubt sind – Zeitung, oft auch Internet, Fernseher und so weiter –, das ist auf gewisse Weise eine Diät für die Seele.

Es lässt aber auch wenig Eigenarten zu.

Das sieht man ja im Film. Homosexualität ist quasi eine Lücke in diesem Regelsystem. Für alles gibt es Antworten – nicht jedoch darauf, was passiert, wenn sich ein Mann in einen anderen Mann verliebt. Die schiere Existenz von Homosexualität wird verleugnet.

Wie hat die ultraorthodoxe Gemeinde auf den Film reagiert?

So gut wie gar nicht. Am Originalschauplatz, im Viertel Mea Shearim in Jerusalem, haben wir nur eineinhalb Tage gedreht. Und das schnell, mit möglichst wenig Durchläufen. Da wurden wir angeschrien, angestarrt, bedroht, mit Wasser bespritzt und mit Steinen beworfen. Vor allem die Hauptdarsteller hatten zu leiden – sie trugen die traditionelle Kleidung, die Kamera war eher klein. Dass sie eine Rolle spielen, war nicht jedem klar, der vorbeilief. Als der Film in Israel in den Kinos war, gab es so gut wie keine Reaktion von religiöser Seite. Das hätte ja gezeigt, dass ein Bewusstsein für dieses Problem da ist. Genau das soll jedoch nicht passieren, weil man damit zugeben würde, dass es das gibt: homosexuelle Männer.

Und dennoch gibt es sie – für die Vorbereitung zu Ihrem Film haben Sie sich mit schwulen Ultraorthodoxen getroffen, mit einem Rabbi, mit schwulen Bekannten.

Ja, viele Menschen in diesen Gemeinden führen ein Doppelleben, weil sie einerseits ihren Glauben ausüben wollen, andererseits diese Leidenschaft haben. Und es keine Möglichkeit gibt, beides zu vereinen. Das führt nicht nur dazu, dass einige von ihnen am Wochenende in anderer Kleidung nach Tel Aviv fahren. Sondern auch zu verschiedenen Methoden, das Verbot von Sex zwischen Männern zu umgehen. Das reicht vom Verzicht auf die Penetration bis zur Zurückhaltung des Samenergusses. Weil man dann, der Form nach, keinen Sex hatte und somit nicht die Religionsgesetze gebrochen hat.

Sie haben mit einem bekennend schwulen Orthodoxen gesprochen, der sich seit einigen Jahren für eine Lösung des „Systemfehlers“ einsetzt und es Schwulen ermöglichen will, schwul und orthodox zu sein.

Ich sehe da zwar derzeit wenig Chancen. Aber auch ich hoffe, dass sich in dieser Hinsicht etwas ändern wird.

Das Gespräch führte Lea Hampel.

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