Reise nach Auschwitz : Der Unbeschriftete

„Am Ende kommen Touristen“: Wie ein junger Deutscher sein politisches Bewusstsein entdeckt. Robert Thalheims neuer Film über Auschwitz gehört zu den Geschichten, die man sich nicht ausdenkt.

Kerstin Decker
Alexander Fehling
Eigentlich wollte er nach Amsterdam: Sven (Alexander Fehling) tritt in Auschwitz seinen Zivildienst an. -Foto: x-verleih

Vergangenheiten überlagern sich. Czeslaw Niemens Stimme am Anfang einer tief ins Gestern reichenden Geschichte. Niemen, der wie kein anderer für die Poesie der Rockmusik stand, in Polen und darüber hinaus, gestorben vor ein paar Jahren, sein Tod bei uns kaum bemerkt. Robert Thalheim, geboren 1974, Regisseur von „Am Ende kommen Touristen“, kennt Czeslaw Niemen.

Mit Niemens Stimme im Rücken kommt der junge Deutsche Sven in Polen an. In Oswiecim. In Auschwitz. Er soll hier seinen Zivildienst leisten. Sven wollte lieber nach Amsterdam, aber dann war nur der andere Ort mit A übrig. Zuerst sieht Sven (Alexander Fehling) das, was man überall auf der Welt in der Nähe von Sehenswürdigkeiten sieht. Reisebusse und einen Parkplatz. „Auschwitz parking“. An manchen der Busse steht „Everyday Auschwitz, Birkenau“.

 Es gibt keine Vorbereitung auf Orte wie diesen. Hier ist beinahe jedes Wort, jede Geste falsch. Und doppelt falsch, wenn sie von einem Deutschen kommen. Dabei ist Sven noch nicht lange aus dem Alter heraus, wo man die richtigen Worte und Gesten erst probiert, im Alltäglichen, nicht an Extremorten wie diesem. Alexander Fehling gibt seinem Sven den zögernden Ausdruck eines Menschen, der noch vom Leben überrascht werden kann: ein offenes, fast unbeschriftetes Gesicht.

Der Zivi aus Deutschland soll hier helfen. Er wohnt neben „Auschwitz parking“ in einem fast leeren Gästehaus und nimmt – was soll man anderes machen an Niemandsorten wie diesem? – erst einmal eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank. Aber das ist schon falsch. Denn die Milch gehört Stanislaw Krzeminski. Er war einst Häftling hier, jetzt ist er Zeitzeuge und Herr der Koffer. Krzeminski passt auf, dass die Koffer, mit denen die Gefangenen einst kamen – ein letztes, sofort enteignetes Stück Heimat – nicht zerfallen. Nicht die Koffer und nicht die Erinnerungen. Und er, Stanislaw Krzeminski soll jetzt eine Zweier-WG mit diesem jungen Deutschen bilden? Und der soll ihm helfen – im Alltag? Als ob es je einen Alltag für ihn, Krzeminski, gegeben hätte.

Allein für den Dialog zwischen Krzeminski (großartig: Ryszard Ronczewski) und Sven lohnt dieser so ungewöhnliche, leise Film. Wegen des eigentümlichen Takts ihrer Unbeziehung. Es ist ein meist stummer Dialog, ein Zwiegespräch der Gesten und Blicke. Worte sind hier nur letzte Bekräftigungen, verbale Gesprächsabbrüche. Krzeminskis Uralt-Freunde sprechen es offen aus: Frag ihn mal, ob sein Opa schon hier gearbeitet hat. Oder sie sagen: Aha, die deutsche Armee ist wieder in Auschwitz! Aber einen Deutschen als Chauffeur zu haben, sei doch immerhin ein Fortschritt.

„Am Ende kommen Touristen“ gehört zu der Art Geschichten, die man sich nicht ausdenkt. Er hat, als Zivildienstleistender, die Kleinstadt Auschwitz kennengelernt, 40 000 Einwohner, eine ganz normale polnische Kleinstadt, in der dennoch nichts normal ist. Nicht zuletzt hat Thalheim – Sven verliebt sich in Ania, die aus ihrer polnischen Kleinstadt Oswiecim nur weg will – einen Film übers Erwachsenwerden gedreht. Über eine ungewöhnliche Reifezeit. Letztlich wird man nie fertig mit dem Erwachsenwerden, nicht einmal der alte Krzeminski.

Capitol, Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Neues Off

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