Retroperspektive : Claire Denis im Arsenal Kino

Das Berliner Arsenal Kino zeigt die Filme von Claire Denis in einer Retrospektive.

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Zweifeln und suchen. Claire Denis wuchs in Kamerun auf und drehte erst mit 40 Jahren ihren ersten Film. Vorher war sie Assistentin von Wenders, Rivette, Jarmusch und Costa-Gavras. Foto: Thilo Rückeis
Zweifeln und suchen. Claire Denis wuchs in Kamerun auf und drehte erst mit 40 Jahren ihren ersten Film. Vorher war sie Assistentin...

Irgendwie will es mit ihrem Erfolg in Deutschland nichts werden. Ihr neuester Film, „White Material“ mit Isabelle Huppert, ein Erfolg beim Filmfest Venedig 2009, hat hierzulande schon wieder keinen Verleih, und für ihre warmherzige Vater-Tochter-Geschichte „35 Rum“ mochten sich letztes Jahr gerade mal 6000 Kinozuschauer erwärmen. Davor gab es in Deutschland sogar zehn Jahre lang Sendepause für die neben Agnès Varda wichtigste französische Filmregisseurin, dabei hatte sie in der Zeit drei Spielfilme und einen Dokumentarfilm gedreht. Der schönste davon: „Vendredi soir“ mit Valérie Lemercier. Eine junge Frau gerät am Vorabend des Tags, an dem sie mit ihrem Freund zusammenziehen will, in einen Verkehrsstau, dabei lernt sie einen Fremden kennen und geht mit ihm ins Hotel.

Oder vielleicht geht alles nur ein bisschen langsamer im Leben der Claire Denis. Sie ist inzwischen eine zierliche 62-Jährige, aber das Mädchen in ihr ist noch immer zu spüren, die Zweiflerin, die Sucherin, eine, die nicht aufhört, auch gegenüber ihren eigenen Wahrheiten auf der Hut zu sein. Aufgewachsen ist sie am Ende der Welt, in Kamerun, der Vater war Kolonialbeamter in Französisch-Westafrika, und mit 14 kam sie, kränkelnd, nach Frankreich. Regisseurin wurde sie, nach einem ordentlich frühen Studium an der Pariser Filmhochschule, erst mit 40. Vorher lernte sie lieber weiter, als Regieassistentin an der Seite von Costa-Gavras und Jacques Rivette und ihren Fast-Altersgenossen Wim Wenders und Jim Jarmusch. Das Eigene brauchte Zeit, und nun wächst es, behutsam und unaufhörlich.

Was ihren in Zuschauerzahlen messbaren Erfolg aber wohl vor allem reduziert, ist, dass Claire-Denis-Filme sich gänzlich unverwechselbar erschließen. Ihre Geschichten erzählen sich weniger durch Dialoge als durch Blicke, Berührungen und Gesten, weniger durch prägnante Aktion als durch scheinbare Nebenszenen, weniger durch Konzentration auf einen Handlungsstrang als durch ein Nebeneinander vieler gleich wichtiger – oder besser: gleichgewichtiger – Dinge. Das ist anstrengend, das erfordert Geduld, weil man nicht geführt wird wie anderswo auf der großen Tanzfläche des Kinos. Der Lohn ist, dass man in den schönsten, schlimmsten Augenblicken dem Leben selber zuzusehen scheint, wie es seine Mäanderwege geht. Vielleicht zu einem Ziel hin, vielleicht auch nicht.

In „J’ai pas sommeil“ (1995) gibt es zum Beispiel ein schwules Paar, das alte Frauen umbringt, aber die eigentlich spektakuläre Kriminalgeschichte ist nur eine unter mehreren, die sich sehr lose mit ihr berühren. Auch sind die Täter keine Monster. So was beunruhigt. Oder zuletzt in „White Material“ spielt Isabelle Huppert, ungeheuer eindringlich und zugleich zurückgenommen, eine Kaffeeplantagenbesitzerin in einem afrikanischen Bürgerkriegsland, die partout nicht von ihrer Heimat und Lebensaufgabe lassen will. Aber ebenso geht es um ihren seltsam verlorenen Nichtsnutz von Sohn, um einen Rebellen, der sich in ihrem Schuppen versteckt hält, um Männer, die in ihrem Leben irgendwie noch profitierend vorkommen – und die Kamera schweift gelassen und gerecht zwischen diesen Welten hin und her. Nirgendwo ist man zu Hause in diesem verstörenden Film, und plötzlich hat man mehr von dem Kontinent begriffen als aus 100 Fernsehsendungen und Zeitungsartikeln zusammen.

Oder „Chocolat“, ihr Debüt: Da ist das kleine Mädchen, das ruhig die Savannen-Kolonialwelt der späten fünfziger Jahre beobachtet, deren Teil es selber ist. Da ist ihre junge Mutter, die sich zu dem schönen Hausboy mit dem schönen Namen Protée hingezogen fühlt, aber Vorsicht, „Chocolat“ ist keine Liebesgeschichte. Und dann gibt es ein paar Tage und Wochen mit der lärmenden Besatzung und den Passagieren eines notgelandeten Propellerflugzeugs, aber Vorsicht, „Chocolat“ ist auch keine Kolonialismuskritik mit drei Ausrufezeichen. Und Chocolat“ ist auch ausdrücklich nicht autobiografisch, darauf besteht Claire Denis. „Chocolat“ mag von all dem irgendwas sein, vor allem aber: eine Fremdheitserfahrung, die sich in aller Zartheit jedem einschreibt, der sie sehend teilt.

Nun veranstaltet das Berliner Arsenal, zusammen mit der Französischen Botschaft, eine Retrospektive ihrer Filme – dabei möchte man meinen, die sich noch immer irgendwie verwundert in ihren Ruhm vorantastende Claire Denis ist erst mitten dabei. Ja, es ist sogar eher ein Anfang, noch so einer der verspäteten Art. Endlich kann man also alle ihre Filme auf der großen Leinwand (wieder-)sehen, die teils sogar in Frankreich auf DVD nicht immer einfach zu beschaffen sind. Die elliptische Fremdenlegionärs-Choreografie „Beau travail“ zum Beispiel, die vor zehn Jahren in Deutschland mit nur zwei Kopien im Kino lief. Oder eben „Vendredi soir“: die stillste Einsamkeitsstudie der Claire Denis, 2002 in Venedig gefeiert und in Deutschland nie im Kino. Endlich im Kino, einen schönen Oktober lang.

Programm: www.arsenal-berlin.de/de/arsenal/programm.html

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