Retrospektive : Mein Freund, der Baum

Die heitere Eleganz seiner Filme, seine Art Menschen zu beobachten und ihre Fehltritte liebenswert aufzuzeichnen, machten ihn berühmt. Jetzt zeigt das Berliner Arsenal eine Retrospektive zu Jean Renoir, dem Vater der Nouvelle Vague.

Christina Tilmann

Sein Credo hat er 1966 in einem Gespräch mit Michel Simon formuliert: „Unsere Epoche hat Nachteile. Einer dieser Nachteile ist die Einsamkeit. Aber die Menschen wünschen sich die Einsamkeit, sie glauben, dass sie schön ist. Jemand, der sich ein Haus auf dem Land kauft, sagt: ,Ah, ich habe ein wunderbares Haus, stellen Sie sich vor, rundherum sehe ich niemanden; ich sehe nicht einmal eine Katze, nur Felder, sonst nichts’ – und übersehen dabei, was wirklich interessant ist im Leben, die Menschen. Es ist interessant, einen Menschen kennenzulernen, aber es ist nicht interessant, einen Baum kennenzulernen. Der Baum ist großartig, wenn es ihn gibt in Beziehung zum Menschen. Aber einfach ein Baum – da pfeif’ ich drauf.“

Jean Renoir (1894 – 1979) ist der Regisseur der „Comédie Humaine“. Ihn interessiert das Chaos des Lebens, die kleinen und die großen Tragödien, niemals steht bei ihm die Form im Vordergrund, nie ist ein Mensch nur gut oder böse, immer gibt es Verständnis, für den Bettler wie für den Betrüger, für die kleine, ehrgeizige Prostituierte wie für die Offiziere im Krieg. Vielleicht ist er deshalb so oft mit Mozart verglichen worden, der heiteren Eleganz seiner Filme wegen ebenso sehr wie der Großzügigkeit, mit der er auf menschliche Verfehlungen blickt. In keinem Film wird das deutlicher als in „Die Spielregel“, dem Meisterwerk von 1939, dem Robert Altman 2001 mit „Gosford Park“ ein spätes Denkmal gesetzt hat. Ein Tanz auf dem Vulkan, unmittelbar vor Kriegsausbruch, eine adlige Gesellschaft, die sich auf einem Landschloss trifft, zur Jagd, zu Empfängen und versteckten Amouren. Alles ist möglich, in diesem Karneval der Gefühle. Und mittendrin Jean Renoir selbst in der Rolle des Octave, seine tapsige Bauernschläue, für eine Maskerade hüllt er sich in ein Bärenfell, er selbst ein gutmütiger Bär, und wird doch seinen besten Freund verraten. „Die Lüge ist ein Kleidungsstück, das schwer wiegt“, heißt es im Film. Schwer wie ein Bärenfell.

Wenn das Berliner Kino Arsenal nun mit 20 Filmen eine umfassende Renoir-Retrospektive zeigt, darf „Die Spielregel“ nicht fehlen – ebenso wie „Das Frühstück im Grünen“, mit dem die Reihe am morgigen Samstag eröffnet, „Die große Illusion“, „Die goldene Karrosse“ oder „Eine Landpartie“, das unvollendete Meisterstück von 1936. Aber auch die frühen und die ganz späten, die stummen und die farbigen Renoirs sind angemessen berücksichtigt, von der Zola-Verfilmung „Nana“ (1926) bis zu „Elena und die Männer“ (1956), einer Hommage auf Ingrid Bergman. Erich von Stroheim und Charlie Chaplin prägen die frühen Filme, hinzu kommen Zola und Marivaux, Naturalismus und Theater – und die Kunst der Impressionisten. Das flirrende Licht hat der Sohn von Auguste Renoir immer wieder eingefangen. Dem Vater hat er eine anrührende, nicht unkritische Biografie gewidmet. Er selbst wurde zur Vaterfigur für die Nouvelle Vague, für André Bazin, für Truffaut, Godard, Rivette und Rohmer. Über keinen Regisseur sind klügere Texte verfasst worden.

„Jean Renoir hat die lebendigsten Filme gemacht, seit es Kino gibt“, hat Truffaut gesagt. Weil selbst die Tragödie – wie im Arbeiterdrama „Toni“ – bei ihm leicht sein kann, und ein heiteres Picknick in „Eine Landpartie“ ein tieftrauriges Ende nimmt. Und weil seine Filme im Grunde unmoralisch sind, nicht verurteilen, nicht bewerten, sondern die Balance halten zwischen hoch und niedrig. Vielleicht hat er deshalb so gern mit Jean Gabin gedreht, der wie kein anderer Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Sympathie verkörpert – und mit Michel Simon, der das Gefährdete, Abgründige, Chaotische verkörpert, den Clochard, den aus der Norm gefallenen Bürger. Zwischen beiden Polen spannt sich Renoirs Menschenbild. Ein Baum ist nichts dagegen.

Les règles du jeu: Jean Renoir. Arsenal, 1. bis 30. September. www.fdk-berlin.de.

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