Rezension : Damals ist immer

Schuld und Sühne: In „Rachels Hochzeit“ brilliert Anne Hathaway als schwarzes Schaf der Familie. Zum ersten Mal spielt sie nicht das kleine, süße Mädchen.

Martin Schwickert
Schauspielerin Anne Hathaway
Schauspielerin Anne Hathaway...Foto: Getty

Der Film heißt „Rachels Hochzeit“, aber eigentlich dreht sich alles in der Familie um die jüngere Schwester Kym (Anne Hathaway). Die ist ein Junkie und hat ein paar Tage aus der Entzugsklinik freibekommen, um an der Trauung der älteren Schwester teilzunehmen. Das Haus der Eltern ist voll: Verwandte, Freunde und Musiker sind schon einige Tage vorher angereist. Die Atmosphäre ist fröhlich und scheinbar entspannt. Kym wird erstaunt, aber herzlich begrüßt. Sie ist das „enfant terrible“ der Familie. Als sie mit dem Auto der Eltern zum verordneten Treffen der örtlichen „Anonymen Alkoholiker“ fahren will, quält sich der Vater mit dem Fahrverbot für die Tochter, deren Unfallstatistik die Versicherung schon mehrfach in die Höhe getrieben hat. Kym läuft Sturm gegen die familiäre Überbesorgtheit und buhlt gleichzeitig mit effektvollen Auftritten um Aufmerksamkeit. Rachel (Rosemarie DeWitt) hat oft mehr als genug vom Borderline-Verhalten der Schwester und will wenigstens bei ihrer Hochzeit die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Familie, die ihr Kym ein Leben lang entzogen hat.

Mit „Rachels Hochzeit“ wirft sich Regisseur Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“) mitten hinein in den familiären Mikrokosmos und schält langsam, aber präzise die Konfliktstrukturen heraus. Mit der Handkamera folgt der Film den Figuren im überfüllten Haus, entdeckt immer neue Facetten der komplexen Gefühle, beobachtet manchmal nur die Dynamik der Hochzeitsvorbereitungen im multikulturellen Trubel und gräbt sich dann wieder hinein in die traumatischen Erinnerungen der Familie.

Das Home-Video-Verfahren ist gewöhnungsbedürftig, aber die Kamera als unmittelbar reagierender Beobachter stellt eine produktive Unübersichtlichkeit her, in der sich das Publikum als Hochzeitsgast immer wieder neu orientieren muss. Demmes Erzählstil und emotionale Intensität erinnern unübersehbar an Thomas Vinterbergs Dogma-Meisterwerk „Das Fest“. Allerdings fällt die Analyse der Familienstrukturen hier weniger bitter aus. Auf Schuldzuweisungen wird verzichtet, gerade weil die verdrängten Schuldgefühle in dieser Familienaufstellung übermächtig sind und der frühe Unfalltod des Sohnes eine schmerzende Leerstelle hinterlassen hat. Mit aufrichtiger Zuneigung blickt der Film auf seine Figuren, aber das heißt nicht, dass er sie sentimentalisiert. Er zeigt sie mit allen Schwächen, Verstrickungen und Unerträglichkeiten. Das gilt vor allem für Kym, für die Anne Hathaway ihr Prinzessinnen-Image, das sie sich in romantischen Komödien wie „Bride Wars“ oder „Plötzlich Prinzessin“ aufgebaut hat, entschlossen über Bord wirft. Mit „Rachels Hochzeit“ ist Demme ein berührendes Familienporträt gelungen, das nichts gemein hat mit den harmoniesüchtigen Verklärungsmechanismen, mit denen Hollywood üblicherweise seine „family values“ verhandelt.

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