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Rezension : Eine Saison in der Hölle

09.09.2008 00:00 UhrVon Peter von Becker
gomorrha Foto: ProkinoBild vergrößern
Innenwelt der Unterwelt. Ciro (Ciro Petrone) schießt aus dem Hinterhalt. - Foto: Prokino

"Gomorrha“ ist Matteo Garrones grandiose Verfilmung des Mafia-Bestsellers von Roberto Saviano. Garrone nennt den Neapel-Slang der Darsteller die "lebende Musik" seines Films. Sogar in Italien läuft der Film deshalb untertitelt.

Das ist ein Mafia-Film, wie es noch keinen gab. „Gomorrha“ ist Lichtjahre entfernt vom düsteren Glanz eines „Scarface“ oder des „Paten“, vom proletarischen oder noblen Heroismus eines Brando in „Die Faust im Nacken“ oder Michele Placido im Kampf „Allein gegen die Mafia“. Es gibt keine illustren Bosse à la Capone, keine Gangsterromantik, keine kühnen Kommissare oder korrupten Cops, nicht mal die pittoresken Milieus einer „Pizza Connection“ oder des Little Italy in Scorseses „Hexenkessel“.

In „Gomorrha“, der filmischen Übersetzung von Roberto Savianos gleichnamigem Weltbestseller, existiert sie nicht mehr: die Oberwelt der Unterwelt.

Es bleibt nur die alltägliche Hölle. Sie kennt keine erlösende Gerechtigkeit, allenfalls die Selbstjustiz der Camorra.

Matteo Garrones mitreißende „Gomorrha“-Höllenfahrt entfacht jedoch nicht nur den Spannungssog eines Thrillers. Sie macht bei allem Erschrecken auch wunderlich mitfühlend. Die Hölle sind weder wir noch einfach die anderen. Aber die Teufel sind leibhaftige Menschen, und ihr Dämon ist eine elementare Mischung aus Not und Gier, geboren in sozialen Slums, wo das legale Überleben hart und die Wohlstandsverlockung durch Drogen, Mord, Betrug so verführerisch süß ist wie Blut. Und genauso schmierig, schaurig, selbstmörderisch.

„Gomorrha“ urteilt nicht über die neapolitanische Camorra. Es wird allein dargestellt. Die Innenwelt der Unterwelt. Roberto Saviano, der seit zwei Jahren unter Polizeischutz lebt, hat bei der Mitarbeit am Drehbuch als Erstes sich selbst, den Ich-Erzähler gestrichen. Nun versetzt der Film den Zuschauer selbst in den Augenzeugenstand, den im Buch der Erzähler hat. Wir sehen also gleichsam mit Savianos und Garrones Blicken ins Herz der mafiosen Finsternis. Matteo Garrone, der in Cannes für „Gomorrha“ den Großen Preis der Jury erhielt, hat auch die Kamera geführt, oft mit der Hand. Und in vielen jähen, fiebrig turbulenten Sequenzen an authentischen Orten im Camorra- Gürtel rund um Neapel entsteht in der Fiktion der Eindruck des Dokumentarischen. Dogma in Italia – eine fantastische Wiedergeburt des Neorealismo.

„Gomorrha“ beginnt mit einer Abrechnung unter verfeindeten Clans; die blutige Ouvertüre könnte noch einem konventionellen Action-Krimi entsprungen sein. Nur der Ort der Hinrichtung, ein Solarium (in Süditalien!), ist schon ein Fingerzeig. Es sind falsche Sonnen, künstliche Paradiese, die das Schattenreich wie die Tür zu einem schäbigen Hades öffnen. Schnelle Wechsel danach, Familienszenen, lungernde Jugendliche, nach dem blauschwarzen Licht des Anfangs viel staubgraue Peripherie, Vorstadtwüsten, ein Niemandsland, das wiederkehrende Figuren bevölkern. Menschenmasken erst, ob jung oder alt: oft schon verlebte, stumpfe Visagen, die allmählich zu Charakteren werden.

Garrone zeigt das zunächst in scharfen Schnitten, mit pulsierendem Tempo, hart brechen die Szenen. Trotzdem entwickeln sich einzelne Kapitel, verweben sich die Erzählstränge, bildet sich ein Mosaik der mysteriösen, doch bald erkenntlichen Mafia-Machenschaften.

Da ist der 13-jährige Totò, gespielt vom gleichaltrigen Salvatore Abruzzese, einem der vielen Naturtalente des mit Profis und Laiendarstellern besetzten Films. Totòs Vater sitzt im Gefängnis, die Mutter führt einen Lebensmittelladen und wird vom Clan des Vaters notdürftig unterstützt. In Totòs verträumtem Kindergesicht aber zeichnet sich schon die Zukunft des kleinen Machos ab. Als die Handlanger des Gegenclans in einer Bunkerhöhle auf einige der in viel zu großen Bleiwesten schlotternden Jungen des Viertels schießen, scheint auch Totò in Ohnmacht zu fallen. Eine grausige Initiation.

Aber Totò rafft sich auf, mit Augen, die nun für immer in die Mündung geschaut haben – und zu Hause vorm Spiegel entdeckt er vom Aufprall der Kugel den Bluterguss auf seiner Brust, ein dunkles Mal, das ihm nicht als Verletzung, vielmehr als Verheißung erscheint.

Eine befreundete Nachbarin will er später schützen und wird sie doch an die Killer verraten, er selber dann ein gezauster Lockvogel mit dem noch immer engelhaften Gesicht. Ein Kindersoldat der Camorra. Viele solcher Geschichten erzählt „Gomorrha“. Auch die vom tapferen Schneiderlein Pasquale, der tagsüber zu den Dumpingpreisen der Camorra an der Haute Couture der Mailänder Modehäuser arbeitet und nachts auf eigene Rechnung und Lebensgefahr in der Gespensterwelt riesiger Lagerhallen die chinesischen Näher und Näherinnen der expandierenden Fernost-Mafia schult. Das schmale, scheue Gesicht von Salvatore Cantalupo wird man dabei nicht vergessen: nicht, wenn sein Pasquale in einer Bar, wo gerade die Fernsehübertragung der Oscar-Verleihung läuft, auf dem roten Teppich Scarlett Johansson in jener weißen kostbaren Robe entdeckt, die er als Unikat hatte schneidern dürfen, ohne zu wissen, für wen. Sein Lohn: 600 Euro.

Für sehr viel mehr Geld arbeitet Don Franco, ein alerter Manager. Toni Servillo ist in der Rolle der einzige italienische Star, gebürtiger Neapolitaner, ein Typ wie Armin Müller-Stahl, scheinbar weich, liebenswürdig, smart. Als in einer wüsten Baugrube, groß wie ein Mondkrater, eine Schar Lkw-Fahrer sich weigert, dort hochgiftige Müllfässer abzuladen, lächelt Servillo nur und greift zum Handy. Bald werden zehnjährige Roma-Jungs, denen man Kissen unter die Hintern schiebt, die Trucks fahren und ungeschützt das Gift einlagern. Später kann dieser weißhaarige Herr mit dem sanften, aasigen Lächeln auch sagen, Leute wie er „haben dieses Land“ nach dem Krieg aufgebaut „und nach Europa geführt“.

Ob das alles freilich noch in Europa spielt oder schon auf einem eigenen Kontinent, in einer vierten Welt aus Italienern, Albanern, Asiaten, Kolumbianern, Afrikanern, aus Kindern, Killern und greisen Paten, aus Zombies und Mordmaschinen, das wird immer mehr die explosive Frage. Und an der fantastischen Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit stehen hier reale Kulissen wie unentschärfte Bomben in der Landschaft. Garrone hat Schlüsselszenen in einer nach dem Erdbeben in den 80er Jahren erbauten, heute schon wieder verlassenen „vela“ gedreht: einer wie ein breites Segel ausgespannten Betonburg, die im Inneren ein schluchtartiger Korridor durchschneidet, von dem Galerien und, Zuchthauszellen gleich, hunderte Wohnungen abgehen. Oben auf den Dächern patrouillieren Jugendliche, die mit Zurufen sich nähernde Unbekannte oder Carabinieri melden. Die soziale (und asoziale) Kontrolle ist total in diesem monströsen Kosmos: In der düsteren Schlucht und auf den Galerien wechselt italienisches Alltagsleben mit schreienden Familien abrupt mit dem härtesten Drogenmarkt, mit blutigen, tödlichen Geschäften.

Matteo Garrone, ein 40-jähriger Römer, als Schüler in Amerika noch auf dem Weg zum Tennisprofi („Ich habe die junge Monica Seles trainiert“), dann Kunstmaler, er ist ein leiser, freundlicher Mensch. Im Gespräch merkt man ihm kaum an, dass er als Regisseur die Autorität hatte, in solcher Umgebung, unter den Argusaugen der ortsansässigen Camorra- Clans und mit zum Teil echten jungen Mafiosi ein so unheimlich realitätsnahes Projekt zu realisieren. „Monatelang haben wir in dieser Welt gelebt – und kein Geld bezahlt und keines genommen!“ Garrone lacht und erzählt, dass einer seiner Darsteller schon wieder im Gefängnis sitze. Andere seien dagegen aufgeweckt, vielleicht gerettet worden. Alle aber, selbst die älteren Männer, hätten wie Kinder ihre Knarren verlangt: „Einmal beim Film, wollten sie am liebsten die Killer spielen.“

„Gomorrha“ läuft selbst in Italien, sogar in Neapel, nur mit Untertiteln. Die meisten Darsteller sprechen Neapolitanisch, eine ganz eigene Sprache. Hinzu kommen die Afrikaner, Kolumbianer, Chinesen. Es ist ein Universum der Stimmen, oft krähende oder raue, röchelnde, von Alkohol, Tabak, Drogen gezeichnete Organe, wüst wie die Gesichter und ihre Geschichten. Garrone nennt die Stimmen die „lebende Musik“ seines Films. Deswegen: bitte unbedingt OmU!

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