Romanverfilmung : Kleiner Mann ganz bloß

Lob des Opportunismus: Jirí Menzels Romanverfilmung „Ich habe den englischen König bedient“. Eine Geschichte vom Tellerwäscher, der hier auf das Unterhaltsamste zum Millionär wird.

Jan Schulz-Ojala
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Szene aus "Ich habe den König bedient".Foto: promo

Ein schönes Arrangement: Auf den Tag genau 40 Jahre nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag kommt ein tschechischer Film ins Kino, der individuelle Träume und unbändige Lebenslust feiert. „Wir Tschechen führen keine Kriege“, sagt darin der Held, der sein Leben Revue passieren lässt. Und tatsächlich: Auch die Helden jenes rauschhaften Prager Frühlings 1968, der einen Sommer lang dauerte, hatten einen friedliebenden Traum faszinierend weit vorangetrieben. So lange, bis andere, ihre sogenannten besten Freunde, Krieg gegen sie führten.

Jirí Menzels „Ich habe den englischen König bedient“ (2007) spielt etwas früher, aber das macht nichts. Im Gegenteil: Der ideensprühende und bilderschwelgende Schelmenfilm nach dem gleichnamigen Roman von Bohumil Hrabal zeigt am Beispiel eines auch im Wortsinn kleinen Mannes nebenbei, wie es zu jenem großen historischen Traum gekommen sein mag. Man wünscht sich was, durch aberwitzige Zufälle kommt man dem Glück näher und näher, und am Ende – im Angesicht von strammen Militärs – platzt die Blase. Gegenwehr ist zwecklos. Wir Tschechen führen keine Kriege.

Sozialismus in Freiheit ist zwar nicht gerade das, was sich der Kellner Jan (köstlich verschmitzt verkörpert von dem Bulgaren Ivan Barnev) herbeiwünscht. Eine – profane – Sehnsucht aber hat er auch, irgendwann in den zwanziger Jahren, als seine kuriose Laufbahn beginnt: Er will weiter nichts als steinreich werden. Und weil ihm dabei auf der Lebensreise vom Zapfer in der Provinzgaststätte bis zum Piccolo im schicken Prager „Hotel Paris“ immer wieder ein verspielter Gott behilflich ist, kommt er fast ans Ziel. Seine Mittel: Aufmerksamkeit. Diskretion. Unauffällig zur Stelle sein oder sich dorthin mogeln, wenn es Geld oder gar einen Orden regnet. Bosheit nur, wenn das Opfer sie wirklich verdient. Heuchelei oder gar Opportunismus? Eher eine gewisse Geschmeidigkeit in kleinen wie in größeren Dingen.

Der Tellerwäscher, der hier auf das Unterhaltsamste zum Millionär wird, bleibt von Anfang bis Ende eine durch und durch sympathische Domestikenfigur. Seine Zielstrebigkeit investiert er vor allem in die Eroberung zärtlichkeitsbedürftiger Kurtisanen, die den immergleichen örtlichen Honoratioren gelangweilt gegen Geld zu Willen sind. Erst als er sich, zunächst aus purer Ritterlichkeit, in eine sudetendeutsche Turnlehrerin (tapfer: Julia Jentsch) und glühende Hitler-Bewunderin verliebt, ist Schluss mit lustig. Seinen Landsleuten geht das zu weit, andererseits kommt ihm selber angesichts einer Gespielin, die sogar beim Sex auf ein Führerbild starrt, bald der Sinn für Genuss abhanden. Doch es ist Krieg, der Beruf ruft, und irgendwann werden in einer Lebensborn-Einrichtung zur Züchtung arischen Nachwuchses wieder die Getränkewünsche ganzer Rudel nackter Damen zu erfüllen sein.

Nein, dieser Film hält nirgends Kärtchen mit politischer Korrektheit hoch, trieft nicht vor Läuterungsschmalz, sondern reist mit seinem naiven Helden schwerelos durch Jahrzehnte reichlich schwerer tschechischer Geschichte. Andererseits verlegt er sich, auch im Humor eher melancholisch, keineswegs auf die Farce. Es sind Spiegel, nicht Zerrspiegel, in die dieser Jan immer wieder blickt. So denunziert Menzel seinen Luftikus auch dann nicht, als der sich bedenkenlos mit Briefmarkenschätzen aus dem Besitz deportierter Juden seinen Lebenstraum erfüllt: ein eigenes Hotel. Sondern schlägt nur das nächste Kapitel auf, und – schwupps! – sitzt Jan im kommunistischen Gefängnis, von dem aus die Erinnerung an ein zerrupftes Leben ihren Anfang nimmt. Der Film wählt dafür ein treffendes Traumbild: eine Gruppe zerlumpter Ex-Millionäre, die die Federn eines riesigen Kissens durch die Luft blasen.

Dieses zauberische Vergnügen an der Fantasie, an einem fast magischen Hyperrealismus: Scheinbar wenig passt es zu den von Anfeindungen, Kaltstellungen und Berufsverboten überschatteten Biografien Menzels und Hrabals. Andererseits: Was etwa ist der Goldene Berlinale-Bär 1990 für Menzels Hrabal-Verfilmung „Lerchen am Faden“ historisch anderes als eine großartig aberwitzige Pointe – die Uraufführung eines Regalfilms 21 Jahre nach dem Dreh? Und muss man nicht auch schon wieder lächeln darüber, dass die Berlinale-Jury 17 Jahre später das so weise und kohärente neueste Werk eines mittlerweile fast 70-Jährigen überging?

Man muss Jirí Menzel selber hören, um diesem Film auf den dunkleren Grund zu gehen. Im Presseheft-Interview geht er mit der politischen Anpassungsfähigkeit des „tschechischen Naturells“ hart ins Gericht. Der Satz „Wir Tschechen führen keine Kriege“, sagt er, sei ihm ins Drehbuch „hineingerutscht“. Schließlich habe „die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung“ nach Hitlers Einmarsch 1938 und während des Kriegs „zu Hause auf ihrem Arsch gesessen und die Schnauze gehalten. Genauso wie später unter der russischen Besatzung.“ Wie zärtlich dagegen nimmt Menzel immer wieder seinen fehlbaren Helden in Schutz! Vielleicht muss man Tscheche sein, um trotz aller Erfahrungsbitternis einen so federleichten Film zu drehen.

Ab Donnerstag im Cinemaxx Potsdamer Platz, Hackesche Höfe, Neues Kant, Kulturbrauerei, Sputnik Südstern.

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